Grimms Erben. Wörterbuchprojekte im Internet

Der Journalismus wird im Internet längst von der Echtzeit getrieben. Das macht vieles schwierig, zumal für schriftliche Texte: Wenn die wesentlichen Fragen halbwegs geklärt sind, ist die Aufmerksamkeit oft schon zum übernächsten Thema weitergezogen. Für Nutzer ist es selten befriedigend, die Echtzeit-Berichterstattung zu verfolgen. Ob es dem Journalismus guttut oder eher nicht, darüber lässt sich streiten. Zurückdrehen lässt sich die Entwicklung nicht mehr.

In der Wissenschaft gehen die Uhren anders. Im Januar wurde in Berlin ein großes Projekt angekündigt: das "Zentrum für digitale Lexikographie" (ZDL). Es geht darum, für "eine der bedeutendsten Kultursprachen der Welt", das Deutsche, "ein digitales Informationssystem zu entwickeln und zu betreiben, das den Wortschatz umfassend und verlässlich beschreibt", heißt es im Internet. Das Projekt ist eine föderalistische Kooperation von vier Wissenschaftsakademien und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung auf zunächst fünf Jahre finanziert. Das ist für Lexikografen ein kurzer Zeithorizont.

Zehn Jahre hatten sich die Brüder Grimm anno 1838 zunächst für ihre Arbeit am "Deutschen Wörterbuch" vorgenommen. Und sich ziemlich verschätzt: Als Jacob Grimm 1863 wenige Jahre nach seinem Bruder starb, arbeitete er gerade am Wort "Frucht". "Der Grimm" wurde dann zwei Weltkriege und mehrere Staatsgründungen später 1961 vollendet. Dass die Grimms bei der gründlichen Wörterbucharbeit auf der Höhe ihrer Zeit geschrieben haben, lässt sich nicht direkt behaupten. Die ersten Bände seien schon am Ende des 19. Jahrhunderts von denen, die sie fortschrieben, als altmodisch empfunden worden, sagt Volker Harm, Arbeitsstellenleiter bei der am ZDL beteiligten Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Länger als eine Generation sollte Wörterbucharbeit nicht dauern.

Dass das ambitionierte Wörterbuchprojekt der späten 2010er-Jahre sehr schnell ins schnelle Internet ginge, lässt sich nicht behaupten. Das Portal zentrum-lexikographie.de soll die zahlreichen ZDL-Aktivitäten zusammenführen und sollte zuerst im Oktober, dann im Dezember freigeschaltet werden. Jetzt könnte es im Januar soweit sein. Das ist schade, weil Vorhaben wie animierte Wortfeldanalysen und Wortgeschichtsverläufe in den Shitstorms und "Framing"-Debatten, die in den sogenannten sozialen Medien der Gegenwart geführt werden, helfen könnten. Die Göttinger haben sich vorgenommen, Wortgeschichte von 1600 bis heute erzählend online darzustellen und als erstes die Begriffe "Team", "Elite" und "Alternative" abgeschlossen. Aktuell brisante Bezüge liegen auf der Hand.

Damit schon mal was im Netz steht, haben die Wissenschaftler ein beim Bearbeiten der Textkorpora nebenbei entwickeltes Instrument als Open-Source-Software auf adw-goe.de geteilt: die Wortkartei-App mit dem schön ironischen Namen "Zettel's Traum". Sie sei "prinzipiell für alle, die mit historischem Sprachmaterial arbeiten", interessant. Und sowohl die Bezüge zum gleichnamigen Werk von Arno Schmidt als auch die Gründe, aus denen der Apostroph dem ersten Anschein zum Trotz korrekt ist, werden luzide geklärt.

Das "Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache" der Berlin-Brandenburgischen Akademie wiederum speist schon lange "Artikel des Tages" ins Internet ein. Da kommen der Basketball und der Aberwitz, der Humbug und der Symbolismus, das Schicksal und die Erbsensuppe zu Ehren, mit verspielten Querverweisen manchmal auf Tagesaktualität und manchmal auf Loriot oder Rainer Maria Rilke - was die Textkorpora eben Interessantes hergeben. Solange das ZDL online noch nichts reißt, lohnt die Internetadresse dwds.de öfter mal einen Klick. Schon deshalb, weil die vielen echtzeitgetriebenen Texte im Internet auf Dauer ziemlich unbefriedigend sind.

Aus epd medien 50/19 vom 13. Dezember 2019

Christian Bartels