Good news are good news! Corona und die Nachrichten

epd Gute Neuigkeiten sind rar in der Corona-Pandemie. Eigentlich sind das ganz passable Zeiten für den Nachrichtenjournalismus, denn bekanntlich gilt: „Bad news are good news!“ Die schlechte Nachricht erregt mehr Aufmerksamkeit beim Rezipienten, das hat vor allem psychologische Gründe. Schon seit einigen Jahren hat die Branche allerdings erkannt, dass der Fokus auf Kriege, Krisen, Katastrophen, Krankheiten und alles, was sonst schlecht läuft in der Welt, ein ins Dunkle verzerrtes Bild der Realität, einen Negativ-Bias, zur Folge hat. In Skandinavien entstand deshalb, gewissermaßen als Gegenmodell, der Konstruktive Journalismus, welcher für eine lösungsorientierte Berichterstattung steht.

Ende März, als in Deutschland gemeinhin langsam die Erkenntnis reifte, dass Kinder doch nicht über geheime Schutzkräfte verfügen und deshalb ebenso an Covid-19 erkranken können wie Erwachsene, widmete sich auch das „heute journal“ im ZDF eben jenem Thema. Die Ausgabe vom 28. März begann mit einem Beitrag über Kinder, die an Long-Covid leiden. Lea, 17 Jahre alt, infizierte sich im März 2020 mit dem Coronavirus. Die Erkrankung verlief bei ihr wie eine starke Grippe, Wochen später entwickelte sie jedoch zusätzliche Symptome wie Erschöpfung und Atemnot schon bei geringer körperlicher Belastung. Auch die zehnjährige Ella und ihre kleine Schwester Carla lernt der Zuschauer kennen. Die Mädels plagen nach ihrer Covid-Erkrankung Symptome wie Schwindel.

Eine Top-Basketballerin im Teenager-Alter, die kaum noch Treppensteigen kann, Mädchen im Grundschul- und Kindergartenalter, die womöglich ihr Leben lang mit den Folgen der Corona-Erkrankung zu kämpfen haben werden. Im „heute journal“-Beitrag heißt es: Erste Studien aus England und Italien zeigen, dass bei bis zu 15 Prozent der infizierten Kinder teils gravierende Spätfolgen auftreten können. „Lea ist im Abiturstress und hat Zukunftsangst - Was, wenn die Beschwerden bleiben?“ fragt der Off-Kommentar.

Und was, wenn nicht? Die „Logo!“-Kindernachrichten sendeten am 14. April einen nahezu identischen Beitrag - mit einem entscheidenden Unterschied. Denn die kleinen Zuschauerinnen und Zuschauer erfuhren exklusiv: „Bei Lea geht es wieder ein Stück bergauf.“ Und: „Lea macht jetzt eine Atemtherapie, damit ihr nicht mehr so schnell die Puste ausgeht und es ihr langsam wieder bessergeht.“ Auch die beiden Schwestern sind offenbar schon fast wieder gesund: „Inzwischen ist Ella wieder fit - und auch ihrer Schwester geht es schon besser.“

Die völlig unterschiedliche Tonalität der Beiträge verstört. Kinder sollten durch Nachrichten nicht beunruhigt werden. Die „Logo!“-Nachrichten gewährleisten dies durch die Auswahl der Themen sowie durch entsprechende Einordnung innerhalb der jeweiligen Beiträge und in den Moderationen. Wer jedoch denkt, die Kindernachrichten neigten hierdurch zu Verharmlosung, liegt falsch.

Der Covid-19-Beitrag von „Logo!“ macht deutlich, wie mit wenigen zusätzlichen Informationen eine neue Perspektive entstehen kann. Für einen Aufmacher im „heute journal“ hätte es womöglich nicht mehr gereicht, wenn die Geschichten von Lea, Ella und ihrer Schwester vollständig erzählt worden wären. Kinder, die erkrankt sind und realistische Chancen auf Genesung oder Besserung haben - das rüttelt spätestens in Pandemie-Zeiten niemanden mehr auf.

Der „heute journal“-Beitrag hatte mich als Zuschauerin im Hinblick auf die Corona-Gefahr für meine eigenen Kinder stark verunsichert. Als ich Wochen später mit diesen gemeinsam die „Logo!“-Sendung schaute, fühlte ich mich im Nachhinein von künstlich dramatisierten, schlechten Nachrichten betrogen. Unbedachter Journalismus dieser Art macht sich angreifbar - nicht nur für schwurbelnden Alu-Hüte. Weniger Drama, mehr konstruktiven Journalismus wagen - gerade in der Krise: Good news are good news!

Aus epd medien 18/21 vom 7. Mai 2021

Ellen Nebel