Gib nicht auf. Das interaktive BR-Hör-Spiel "Tag X"

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Du erinnerst dich noch, dass du als Kind die "Choose Your Own Adventure"-Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone geliebt und daraufhin selbst in Basic Textadventures nach ähnlichem Prinzip programmiert hast. Du weißt, dass Netflix im vergangenen Jahr mit "Bandersnatch" einen interaktiven Film nach ähnlichem Muster - und mit Meta-Ebene zu genau jenen Büchern - produziert hat. Es war also wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der Hörfunk nachzog, genauer gesagt, die Hörspiel- und Innovationsredaktionen des BR.

Als besonderer Kniff kommt hier hinzu, dass sich das interaktive Hörspiel "Tag X" über die Sprachassistenten von Google Home oder Amazon steuern lässt. Du besitzt keinen Sprachassistenten. Willst du dir einen kaufen? Du hast "Nein" gewählt und stattdessen die "Google Assistant"-App auf deinem Handy installiert, mit der "Tag X" ebenfalls funktionieren soll. Tatsächlich bringt der Befehl "Ok Google Starte Tag X" die sonore Stimme von Christian Jungwirth in dein Ohr, der dich fortan durchgängig anspricht und immer wieder vor Entscheidungen stellt. Blöd nur, dass der Google Assistant deine Befehle häufig nicht versteht und im Zweifelsfall das Hörspiel lieber mal von neuem startet.

Willst du aufgeben? Du hast Nein gewählt und dich tapfer durch das postapokalyptische Setting des Hör-Spiels gekämpft, an dessen Ende du in einem Kugelhagel in einem Parkhaus stirbst. Die Tatsache, dass "Tag X" sich sehr großzügig an bekannten Standards des Endzeit-Genres bedient (eine verseuchte Zone, freilaufende wilde Tiere, ein Kind ohne Eltern), findest du einerseits klug, da es dir ein wenig Komfort in der sonst ungewohnten Umgebung bietet. Es bringt aber auch unnötige Elemente mit sich, etwa, dass das Kind sehr altklug ist und dass du ziemlich zu Anfang einen anderen Menschen als Gnadenakt töten musst.

Christian Jungwirth hat dich informiert, dass du Ende Nummer sechs von insgesamt 13 gehört hast. Willst du mehr Enden entdecken? Du hast dich entschieden, fleißig andere Ecken des Spiels zu erkunden. Du tust dies in der browserbasierten Version des Hörspiels, wo du über bereits gehörte Passagen hinwegspringen kannst und die App nicht mehr plötzlich unerwartet abbricht. So erfährst du nicht nur, dass die Programmierung tatsächlich klug genug ist, in bestimmten Situationen Entscheidungen vom Anfang einzufaktorieren (hättest du doch die Kapsel behalten!). Du hörst auch, dass sich der Hintergrund der Geschichte sehr clever auf das von der "taz" aufgedeckte rechte "Hannibal"-Netzwerk bezieht, in dem Soldaten, Polizisten und Mitarbeiter anderer Behörden auf einen umstürzlerischen "Tag X" hinarbeiteten.

Während du allerdings mit Hilfe einer Freundin Ende um Ende aufdeckst und feststellst, dass du wirklich mit einer Ausnahme immer stirbst, meist erschossen oder von Tieren erlegt, bestätigt sich dein Eindruck, dass "Tag X" als interaktive Fiktion nicht mehr ist als ein aufwendig produziertes "Escape"-Game. Dir werden zwar Wahlmöglichkeiten suggeriert, letztlich gibt es aber doch nur einen "richtigen" Weg, gesäumt von vielen Sackgassen. Auf diesem Weg hast du immer die humanen und selbstlosen Entscheidungen getroffen und wirst am Ende dafür belohnt.

Du fühlst dich bestätigt, dass sich echte interaktive Erzählungen heute eher in sogenannten "Open World Games" finden, in denen du frei mit der Geschichte interagierst und nicht nur aus Optionsbäumen auswählst. Möchtest du "Tag X" dennoch empfehlen?

Aus epd medien 35/19 vom 30. August 2019