Genialer Stoff. Elena Ferrantes Weltbestseller als Serie

Als der erste Band des Romanzyklus "L'amica geniale" 2011 in Italien erschien, konnte niemand ahnen, dass diese Geschichte einer Mädchenfreundschaft im Neapel der Nachkriegszeit zu einem Welterfolg werden würde. Denn das, wovon Elena Ferrante in diesen vier Bänden erzählt, ist alles andere als trivial: Sie hat nicht nur - ungewöhnlich genug - die Geschichte jener Mädchenfreundschaft geschrieben, die von Anfang an von großem Konkurrenzdruck und der Sehnsucht nach einem besseren Leben geprägt ist, sondern auch eine italienische Sozialgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Frauensicht. Besonders eindrücklich erzählt Ferrante von der sozialen Spaltung im Italien der Nachkriegszeit, von den patriarchalischen Strukturen, die in mafiösen Familienclans bis heute fortleben, von vereitelten Emanzipationsbestrebungen und dem dennoch ungebrochenen Glauben an einen sozialen Aufstieg und die Befreiung durch Bildung.

Das "Ferrante-Fieber", das wenige Jahre nach Erscheinen des ersten Buchs weltweit ausbrach - der Roman wurde in 40 Sprachen übersetzt und verkaufte sich mehr als zehn Millionen Mal -, wurde nicht zuletzt befeuert durch die strikte Anonymität, die die Autorin zu wahren versucht, und die Spekulationen darüber, wer sich hinter dem Pseudonym verstecken könnte. In Neapel können Touristen geführte Touren zu den Spielorten der "Genialen Freundin" buchen, inklusive Besuch im Rione Luzzatti, dem Armenviertel, in dem die beiden Mädchen aufwachsen.

Es ist nur folgerichtig, dass aus dem Romanstoff nun eine Fernsehserie wurde, die der italienische Regisseur Saverio Costanzo für HBO und RAI produzierte. Seit Mai ist die Serie in deutscher Synchronfassung bei Magenta TV zu sehen. Der Produktion, für die Costanzo zusammen mit Francesco Piccolo und Laura Paolucci in enger Abstimmung mit Ferrante die Bücher schrieb, ist ein großes Bemühen um Werktreue anzumerken. Costanzo hat sich für eine fast altmodische Umsetzung entschieden, viel wird über Großaufnahmen der ausdrucksstarken Gesichter der Mädchen erzählt. Die Darstellerinnen sind sehr gut gecastet, sowohl die Grundschülerinnen als auch die jungen Frauen: Ludovica Nasti und Gaia Girace überzeugen als geniale, kratzbürstige "Lila" Cerullo ebenso wie Elisa del Genio und später Margherita Mazzucco als schüchterne Elena.

Dass der Rione ein Filmset ist, ist nicht zu übersehen: Gar zu ordentlich hängt überall die Wäsche vor den Fenstern, die düsteren Häuserblocks stehen hübsch in Reih und Glied, der Dreck auf den Straßen wirkt wie hingetupft, und die ärmlichen Küchen und Innenräume erinnern an neorealistische italienische Filme der 50er Jahre. Doch zugleich passt diese unwirkliche Szenerie sehr gut zu der Erzählung, in der die Mädchen mit großen Augen auf die von Gewalt, Ohnmacht und Armut geprägte Welt schauen, in der sie leben. Was sie nicht verstehen, füllen sie auf mit Geschichten, die ihrer Fantasie entsprungen sind. Wenn die Erwachsenen erzählen, dass Don Achille sein Geld auf dem Schwarzmarkt verdient habe, wird bei den Mädchen daraus eine große schwarze Tasche, in die der Lebensmittelhändler alles einsackt, auch die verschwundenen Puppen der beiden Freundinnen.

Manches von dem, was im Buch eher subtil erzählt wird, wirkt in der Serie allzu theatralisch, das gilt vor allem für die Szenen, in denen die Söhne des Barbesitzers Solara zeigen, wer im Viertel das Sagen hat, wenn sie diejenigen, die ihre Schulden nicht bezahlen können oder sonst im Weg sind, brutal niederknüppeln und treten. Geradezu verstörend sind die Szenen, die zeigen, wie die Frauen sich gegenseitig niedermachen und daran hindern, aus den Verhältnissen und vorgeschriebenen Rollen auszubrechen. So wird nach und nach das große Geflecht von Abhängigkeiten deutlich, das das Leben der beiden Mädchen bestimmt.

Aus epd medien 24/19 vom 14. Juni 2019

Diemut Roether