Geisterspiele. Der Fernsehfußball ist zum leblosen Produkt geworden

Es herrscht Traumzeit. Bonjour Tristesse, die Tore schweigen, die Netze reglos, die Kurven sind leer. Der Wind geht durch Stadien, durch die Gemüter wehen staubige Bilder. Das Fernsehen zeigt alte Spiele. Über allem liegt der Hauch des Todes, Melancholie. Wer mit dem Fußball aufwuchs, erschrickt über all die verflossenen Spiele, Tore, Glücks- und Trauermomente: Das war ich!? Die Retro-Reisen, die etwa die "Sportschau" jetzt samstäglich unternimmt, zeigen, was das Fernsehen dem Fußball antat und wie der Fußball unserer Augentyrannei folgte, unserer Gier nach immer besseren Bildern.

Wer hat den Fußball umgebracht? Die Spielausschnitte aus den 70er oder 80er Jahren zeigen: Unschuld, das Zufällige, das Ungeplante. Männer mit sehr kurzen Hosen und sehr langen Haaren, Haut ohne Tattoos, Jubel ohne Kalkül, wilde Äcker, Schnee, Sturm, sintflutartige Regengüsse, braun gebrannte Fußballerbeine ohne Schienbeinschoner, die Kameras hocken starr und schwerfällig auf ihren Sitzen, die Reporter kommentieren sachlich, beschreibend, noch ohne Entertainment-Vokabular, kaum Zeitlupen. Das Spiel ist das Spiel. Balljungen freuen sich wie Kinder, Spieler hüpfen wie Kinder, Reporter freuen sich mitunter wie Kinder, Trainer wirken wie Kinder im bunten Trainerkleid.

Den Spielerkörpern haftet noch der Amateur an, das dickliche Kind auf holprigen Bolzplätzen und der Partizipationstraum des Zuschauers: Ich, die Sofa-Existenz, bin gar nicht so weit von diesen Spielern entfernt, unterm Trikot gluckst das Bier vom Vorabend über einem Sonntagsbraten.

Ab wann ging es bergab, bergauf? Mit der Einführung der Fußballbundesliga 1962? Mit dem Poker um Fußballrechte in den 80ern? Mit der Einführung von Kapitalgesellschaften 1998? Klar, alles zusammen und mehr.

Vor aller Augen wandelte sich der Spieler zum Spielerkörper und Warenkörper. Mit dem Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs 1995 gewannen die Spieler Arbeitnehmerfreizügigkeit und letztlich finanzielle Macht, aber sie verloren die Freiheit des Spiels. Ab jetzt war alles Ware. Die Tore, der Bauch, der Jubel. Aus Spielern wurden Stars, Superstars, schließlich Erfindungen, Autofiktionen. Der Fußballspieler wurde ein kalkuliertes Produkt, das unerreichbar fern vom Fan existieren muss. Dabei vergaß der Fußball, dass der Fan mehr als der zwölfte Mann ist.

Geisterspiele? Der Fußball hat die Chance verpasst, demütig zu sein. Er versteht nicht, was verloren wurde. Er versteht nicht, wovon das Spiel lebt. Die Trauer, die einen befällt, wenn man sich die Retrospiele als Lückenbüßer anschaut, rührt auch daher, dass man weiß, dass auch der gegenwärtige Fußball dereinst so nostalgisch betrachtet werden wird. Dann nämlich, wenn man entdeckt und technisch realisiert hat, dass der Fan im Stadion ohnehin überflüssig ist. Warum sollte man ihn nicht zu Hause auf dem Sofa lassen? Er könnte doch mit Augmented Reality-Anwendungen den Stadionbesuch simulieren. Nur sein Avatar säße oder stünde dann noch im Stadion. Auch die Ultras, diese alten Problembären, könnten so eingehegt werden, sogar zum erwünscht Unerwünschten, zum Erlebnisfaktor stilisiert werden. Wer möchte, kann sich dann online einen "Platzsturm" kaufen oder einen Auftritt als Flitzer.

Bis heute ist noch nicht wirklich erforscht und begriffen, wie sich die atmosphärische Interaktion zwischen Spielern, dem Spiel und den Zuschauern anbahnt und vollzieht, wie der Zuschauerkörper en masse im Spielerkörper und Spielkörper anwesend ist und diese modelliert. Was ist das? Alchemie? Chemie? Quantenphysik? Was der Fernsehfußball noch nicht verstanden hat, ist, dass seine Siegeszüge Vernichtungsfeldzüge sind. Je perfekter das Produkt Fußball funktioniert, desto lebloser, entfremdeter wird es. Wenn jetzt wieder angepfiffen wird, wird abgepfiffen, ein für allemal.

Aus epd medien 19/20 vom 8. Mai 2020

Torsten Körner