Für immer jung. Thomas Gottschalk wird 70

Früher, ja früher, da moderierten Entertainer bis sie umfielen - oder keiner sie mehr sehen wollte. Hans-Joachim Kulenkampff moderierte noch mit 72 eine Ausgabe des "Großen Preis", als Wim Thoelke ausfiel. Heute scheint in der Unterhaltung eher die Devise zu gelten: Trau keinem über 60! Einer allerdings widersetzt sich hartnäckig diesem ungeschriebenen Gesetz: Thomas Gottschalk wird am 18. Mai 70 Jahre alt. Und auf ihn scheint das deutsche Fernsehen nicht verzichten zu können, denn er hat das wichtigste Unterhaltungsgebot perfekt verinnerlicht: Du sollst nicht langweilen!

Der Medienwissenschaftler und Unterhaltungsspezialist Gerd Hallenberger erklärt das Phänomen Gottschalk so: "Wir leben in einer Zeit, in der viel über Image und Symbole läuft, also über Zeichenhaftigkeit. Die Mediengesellschaft ist schon immer eine Zeichengesellschaft gewesen, und Gottschalk steht dafür wie kaum ein anderer: Die Sonne spendet Licht, er spendet angenehme Unterhaltung. Und das schon seit 50 Jahren.

Thomas Gottschalk ist der letzte Repräsentant einer Epoche, in der das Fernsehen die ganze Familie angesprochen hat. "Wetten, dass..?", die erfolgreichste Show Europas, hatte Mitte der 80er Jahre regelmäßig über 20 Millionen Zuschauer. Als Gottschalk die Show übernahm, musste er sich zwar mit 15 Millionen begnügen, kam aber immerhin noch auf Marktanteile von über 50 Prozent. Mittlerweile hat sich das Publikum jedoch in viele Segmente aufgeteilt. Bei wichtigen Fußballspielen mag das Fernsehen noch alle Generationen erreichen, bei Unterhaltung schon lange nicht mehr. Junge Zuschauer haben, sofern sie das klassische Fernsehen überhaupt noch wahrnehmen, gänzlich andere Vorlieben als ihre Eltern und erst recht ihre Großeltern.

Die Show-Ära, für die Gottschalk steht, ist mit seinem Abschied von "Wetten, dass..?" 2011 zu Ende gegangen. Er selbst war jedoch immer ein Moderator für alle und auch in allen Medien präsent. In den 70ern fing er beim Jugendfunk des Bayerischen Rundfunks an, später schaffte er es mit der TV-Show "Telespiele" auch ins Erste. In den 80ern wirkte er in den klamottigen, aber kommerziell äußerst erfolgreichen Kinofilmen mit Mike Krüger mit. Und heute moderiert er bei SWR3 wieder eine Radioshow.

In einem Porträt des Bayerischen Fernsehens sagte Gottschalk, er habe es "mit geringer Selbstleistung" zu Ruhm und Ehre gebracht. Das klingt nach Koketterie, entspricht aber dem Lebensziel seiner Jugendjahre: Damals wollte er zum Radio und dort die Musik spielen, die er liebte. Das hat sich nie geändert. In den letzten "Wetten, dass..?"-Jahren wirkte Gottschalk manchmal gelangweilt - bis es endlich um Musik ging. Auch deshalb hatte die Show immer weniger Zuschauer, die lässige Leichtigkeit, die die Menschen stets an ihm bewundert hatten, schien dahin.

Gottschalk hat seinen Rückzug stets mit dem schweren Unfall von Samuel Koch begründet. Das ist sicher nicht gelogen, aber Gottschalk zog sich zur rechten Zeit zurück. Mit "Gottschalk Live", einer Talkshow am ARD-Vorabend, die 2012 nach nur fünf Monaten wieder eingestellt wurde, erlebte der Sonnyboy aus Franken einen veritablen Quotenflop. Dass er anschließend bei RTL neben Dieter Bohlen in der "Supertalent"-Jury hocken durfte, wirkte wie ein Gnadenbrot.

Trotzdem beweist er noch heute bei seinen Auftritten in der RTL-Show "Denn sie wissen nicht, was passiert!", was ihn von vielen seiner Nachfolger unterscheidet. Seine Flapsigkeiten mögen ihm auch Negativschlagzeilen eingebracht haben, aber er steht dazu. Heutzutage, sagt Medienwissenschaftler Hallenberger, seien viele Moderatoren wie Verkehrspolizisten: "Sie sorgen dafür, dass der Verkehr reibungslos fließt, sind aber selber kein Teil davon." Gottschalk war als Moderator immer so wichtig wie die Show, die er präsentierte.

Aus epd medien 20/20 vom 15. Mai 2020

Tilmann Gangloff