Frauen, die singen. Der Podcast "Hear my Voice"

epd Podcasts sind toll, denn Podcasts sind offen. Im Prinzip. Podcasts sind neu, jeder will sie haben, jeder will sie hören. Eine neue Form von Journalismus, flexibel, ohne feste Längenvorgabe, eine Form, die Platz bietet für neue Inhalte, für Nachrichten, Geplauder, Mixtapes, für Features, Reportagen, Expertengespräche. Die Bandbreite ist riesig, denn es gibt keine formalen Grenzen. In anderen Worten: Podcasts sind all das, was verloren gegangen ist, als die Radios beschlossen, „durchhörbar“ sein zu wollen, und alles, was persönlich und spannend ist, aus den formatierten Wellen verbannt wurde. Zugleich sind Podcasts ein Schritt in Richtung der Demokratisierung des Mediums Audio im Sinn der Brechtschen Radiotheorie: Jeder Mensch kann zum Sender werden. Sie sind die Wiederbelebung des Radios als Audiodatei.

In dem Podcast "Hear My Voice! Musikerinnen weltweit” präsentiert die Hörfunkjournalistin Marlene Küster im Auftrag von SWR2 seit März im Zweiwochentakt Musikerinnen, also vor allem Sängerinnen, aus aller Welt, die sie in den mehr als 25 Jahren ihrer musikjournalistischen Tätigkeit kennengelernt hat.

Sie lässt die Stimmen der Frauen hörbar werden, in O-Tönen und in ihrer Musik - ganz so wie man das früher als Feature, Porträt oder Beitrag mit Einspielungen im Radio hören konnte. Die Länge der Podcasts lässt sie von den Inhalten diktieren, von den O-Tönen, die ihr zur Verfügung stehen und von dem, was sie daraus destilliert.

Bisher sind zwölf Folgen des Podcasts erschienen, die kürzesten sind 15 Minuten lang, die längsten um die 30 Minuten, und in der Gesamtsicht begibt sich Küster hier auf eine Art musikalische Weltreise mit Zwischenstationen auf allen Kontinenten: in Australien, in Afrika, in Ost- und in Vorderasien, in Nord- und Südamerika. Rings um das Mittelmeer und in europäischen Metropolen wie Paris oder Berlin bildet sie ein stilistisch vielfältiges Kaleidoskop von musikalischen Standpunkten ab: Da sind stark den Traditionen ihrer Herkunftsländer verbundene Stimmen, dann wieder verschiedene Spielarten moderner Popmusik bis hin zu Ansätzen von Rap oder elektronischer Musik.

Küster zeigt: Es gibt viele Frauen, die singen und eine politische Meinung haben, die für Gleichberechtigung und gegen die Unterdrückung der Frauen eintreten, gegen Gewalt, soziales Unrecht und die Zerstörung der Grundlagen des Lebens. Frauen, die ein Risiko eingehen, wenn sie solche politischen Ansinnen nicht aus ihren Songs heraushalten. Und dass dieses Risiko groß sein kann, das zeigt sich schon daran, dass fast alle diese Sängerinnen zu Kunstnomadinnen geworden sind und sich entschieden haben, das Land zu verlassen, in dem sie musikalisch sozialisiert wurden.

Doch im gleichen Maß, wie diese Sängerinnen ihre Musik als Waffe im gesellschaftlichen Kampf einsetzen, demonstriert der gefällige Wohlklang im Geiste des Soul, der die einzelnen Episoden von Marlene Küsters Podcast durchzieht, aber auch, wie die Gleichrichtemaschine Pop die besonderen Klänge und Rhythmen, die sich mit all diesen Herkünften verbinden, all die kantigen Sounds und von komplexen Rhythmusüberlagerungen angetriebenen überlieferten Beats aufsaugt und zurechtschleift. Bis sie im großen Gesamtklang und dem Groove des Pop nur noch als exotischer Reiz wahrzunehmen sind.

Aus epd medien 34/21 vom 27. August 2021

Stefan Hentz