Frau Strobls Gespür für Flow. Die "Flottenstrategie" der ARD

epd Keine zwei Monate war die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl im Amt, da legte sie den Intendantinnen und Direktoren ein Papier zur „Programm- und Flottenstrategie Video“ vor, das jede Menge Sprengstoff enthält. Ziel ist es, die ARD-Mediathek zu stärken. Einen dreistelligen Millionenbetrag wird der „programmliche digitale Umbau des Ersten zugunsten der ARD-Mediathek“ nach Einschätzung von Strobl, ihrem Stellvertreter Florian Hager und Chefredakteur Oliver Köhr kosten. Und weil dafür kein zusätzliches Geld zur Verfügung stehen wird, muss es an anderer Stelle eingespart werden.

Gespart werden soll zum einen bei der Fiktion: Es wird weniger Erstaufführungen und mehr Wiederholungen geben. 20 Millionen Euro will Strobl allein am Donnerstag einsparen. Eine überfällige Entscheidung, denn die in schönen Landschaften gedrehten Krimis, die hier seit Jahren laufen, gleichen sich viel zu sehr - egal, ob sie nun in Bozen, der Bretagne oder in Kroatien spielen.

Doch gespart werden soll auch bei Formaten, die gewissermaßen den Markenkern der ARD bilden: bei den Politikmagazinen, beim „Weltspiegel“ und bei der „Story im Ersten“. Gegen diese Pläne hat sich in und außerhalb der ARD Protest formiert: Der „Weltspiegel“ steht seit fast sechs Jahrzehnten für zuverlässige, kritische und hintergründige Berichterstattung aus aller Welt am frühen Sonntagabend, er gehört für viele Zuschauer zum Sonntag wie der nachmittägliche Spaziergang. Hier berichten die Korrespondenten des einzigartigen Netzes der ARD nicht nur über den rätselhaften Mord am haitianischen Präsidenten Jovenel Moise und die Fragen, die die verblüffend schnelle Verhaftung der vermeintlichen Täter aufwirft, sondern auch über Themen, die sonst eher wenig beleuchtet werden - wie die Integrationspolitik in Dänemark oder die erste Corona-Impfstofffabrik in Afrika.

Die Auslandskorrespondenten der ARD schreiben in einem Brief an die Intendantinnen und Programmdirektoren, die geplante Reduzierung der Ausgaben des „Weltspiegels“ und die Verschiebung der Sendung auf den späten Montagabend eröffne „keine guten Perspektiven für die Auslandsberichterstattung“. In der Tat ist das Papier der ARD-Programmdirektion wenig selbstbewusst, was die Stärken und etablierten Marken der ARD angeht, insgesamt schielt es eher zum ZDF rüber, das seit vielen Jahren TV-Marktführer ist. Weil dort „Markus Lanz“ so gut funktioniert, soll nun eine Talkshow ähnlichen Stils auch am Dienstag und Mittwoch im Ersten eingeführt werden.

Für die Mediathek sollen „neue plattform-promotende Premium-Dokuserien“ oder „Premium-Dokumentationsfilme“ entstehen sowie ein „personality-driven Showformat“ - doch was damit gemeint ist, wird inhaltlich nicht näher ausgeführt. Hier setzt ein zweiter Brief an, der von den Autoren der Politikmagazine im Ersten und der „Story im Ersten“ unterzeichnet wurde. Die „Story im Ersten“ soll nach den Plänen der Programmdirektion ganz wegfallen. Zwar ist ein neues Reportageformat am Freitag geplant, doch hier sollen nicht etwa investigative Themen, sondern „Menschen und ihre Geschichten“ im Mittelpunkt stehen. Die Autorinnen erinnern daran, dass die ARD eine „wichtige Wächterfunktion“ hat: Die Magazine und andere investigative Formate stießen Debatten an, seit Jahren seien sie „ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“.

„Panorama“-Moderatorin Anja Reschke sagte kürzlich, Aufgabe der Politikmagazine sei es, „den Verantwortlichen auf den Nerv zu gehen“, sie wüsste nicht, wer das machen sollte, wenn es die Magazine nicht gäbe. Das Papier der ARD-Programmdirektion erweckt jedoch den Eindruck, als seien der Audience Flow und „Endlich Freitag im Ersten“ der Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Das Widerständige wird noch weiter an den Rand geschoben.

Aus epd medien 28/21 vom 16. Juli 2021