Formatentwicklung live. Die Beisenherz-Show "Artikel 5"

Er bezeichnet sich als "multimedialen Gemischtwarenladen", schreibt Kolumnen für den "Stern" und Moderationen für das "Dschungelcamp", veröffentlicht Bücher, ist Berater bei Oliver Welkes "Heute-Show", moderiert zwischendurch die WDR-Talksendung "Kölner Treff" und macht einen Fußball-Podcast für Sky. Mit "Artikel 5" kommt jetzt auch noch ein Video-on-Demand-Format ins Sortiment von Micky Beisenherz. Die neue Polit-Comedyshow läuft zuerst beim Fernsehangebot Magenta TV der Deutschen Telekom und ist später bei Youtube, Amazon Prime Video und Pantaflix abrufbar.

Für Magenta TV ist das eine Chance, die Marke auch bei der Zielgruppe Youtube bekannter zu machen. Für den in Castrop-Rauxel geborenen Beisenherz ist es die Gelegenheit, sich mit ernsteren Themen zu beschäftigen und nicht nur auf die Währung des schnellen Gags angewiesen zu sein. "Artikel 5" will polarisieren, Denkanstöße geben und humorvoll aktuelle politische Themen erklären.

Der umfangreiche Erklärteil, der den Großteil jeder Folge ausmacht, ist gut aufgebaut und informativ. So richtig "aufgedeckt", wie in einer Folge auf dem Youtube-Vorschau-Bild angekündigt, wird dabei aber eigentlich nichts. Den Zuschauern werden Hintergründe und Zusammenhänge serviert: zum Beispiel, warum die Situation auf dem Wohnungsmarkt sich weiterhin zuspitzt und weshalb der Mangel an Lehrkräften so groß ist. Durch die amüsante Aufbereitung hat das durchaus seinen Reiz, wenn man nicht sowieso ein Nachrichten-Crack ist.

Es wird aber nicht ganz klar, was "Artikel 5" eigentlich sein will. Der Titel legt mit dem Verweis auf die im Grundgesetz gerantierte Meinungs- und Pressefreiheit nahe, dass die Show diese Freiheiten voll ausschöpfen will. Dafür bewegt sich das als "bissige Serie" angekündigte Format dann aber doch in einem eher harmlosen Bereich. Nur gelegentlich bringt Beisenherz einen wirklich schwarzhumorigen Hieb, etwa wenn er die Fehleinschätzung der Bildungsministerien beim Lehrerbedarf mit der Aussage von Lemmy Kilmister vergleicht: "Das bisschen Whisky bringt mich ja nicht um."

Ansonsten macht er sich gerne über Stammtisch-Parolen rufende Wutbürger lustig, die denken, die Presse werde von Merkel gelenkt oder Asylbewerber bekämen "alles in den Arsch geschoben". Fürs Durchhalten beim Block über Altersarmut und Rentenpolitik - der an sich schon witzig aufbereitet ist und für viele aus der Zielgruppe einen Mehrwert bieten dürfte - verspricht Beisenherz als Belohnung das weltbeste Katzenvideo. Was das Timing der Pointen und Pausen angeht, muss der Comedian sich noch etwas in seiner neuen Show akklimatisieren. Teilweise rast er mit einem ziemlichen Tempo durch seinen Text und wirkt in den ersten Folgen etwas unentspannt. Dazu kommt die seltsame Rolle des Publikums in den ersten drei Folgen: Zwar scheinen Zuschauer im Studio zu sitzen, gezeigt werden sie aber zwischendurch nicht. Auch die Lacher wirken zuweilen, als kämen sie vom Band.

Für Medieninteressierte ist vor allem eins interessant: An "Artikel 5" kann man die Formatentwicklung quasi live miterleben. Waren die ersten drei Folgen noch im klassischen Late-Night-Show-Modus gehalten (halbe Stunde mit Begrüßung, Einspieler mit aktuellem Politikbezug, Comedy-Einlage im Studio), haben die Macher ab Folge vier umgeschwenkt. Die Sendungen sind nun mit bis zu 18 Minuten deutlich kürzer und setzen mit der Aufmachung des Vorschaubilds mehr auf die typische Youtube-Ästhetik - bunt, collagenhaft, mit Emoticons und Großbuchstaben. Das Pseudo-Publikum ist weg. Seitdem sind die Abrufzahlen etwas gestiegen. Und das ist ja gerade das Tolle am Internet: Idee, Konzept, ausprobieren, experimentieren, anpassen, Feedback einsammeln und dann viral gehen, solide Zahlen einfahren oder halt wieder von vorn anfangen. Alles möglich, alles legitim, man muss es nur eben anpacken.

Aus epd medien 29/19 vom 19. Juli 2019