Festival kommt von Fest. Müder Ersatz: Die unsichtbare Berlinale

Jedes Filmfestival hat seine eigene, ganz unvergleichliche Atmosphäre. Wer einmal das Festival von Cannes besuchte, wird sich an die abendlichen Galapremieren erinnern. Die ganze Stadt ist blockiert, Tausende von Schaulustigen haben sich rund um das Festivalpalais versammelt. Man ist versucht, an ein quasireligiöses Ritual zu denken. Wer es gern überschaubarer hat, sollte vielleicht einmal zum Max Ophüls Preis nach Saarbrücken fahren, der wichtigsten Plattform für den deutschen Filmnachwuchs. Da gibt es jede Nacht "Lolas Bistro", wo Gespräche garantiert sind.

Und die Filmfestspiele von Berlin? Die Berlinale punktet mit ihrem Publikum, mit über 300.000 verkauften Tickets. Es gibt Karten für die abendlichen Galas in allen Sektionen, und es stellt kein Problem für akkreditierte Journalisten dar, den Film im Beisein seiner Macher zu sehen. 1.800 Zuschauer fasst der Berlinale-Palast, selbst bei Pressevorführungen ein unvergleichliches Erlebnis, das Geraune, das Gelächter, auch das bei jeder Berlinale unvermeidliche Gehuste.

Festival kommt nicht umsonst von Fest. Jedes Filmfestival ist ein Treffpunkt, es gibt Gespräche mit den Filmemachern. Ein Filmfestival ist ein Ort der permanenten Kommunikation. Nicht nur zwischen Filmemachern und Publikum, sondern auch unter den Gästen und Zuschauern. Da kann es erregte Diskussionen geben, und festzuhalten bleibt: Filmfestivals sind immer auch Orte einer Streitkultur und der Diskursivität. Im Zuge der Pandemie ist natürlich alles anders geworden. Cannes hat seine Ausgabe 2020 ganz abgesagt. Die Berlinale ist in diesem Jahr einen anderen Weg gegangen, sie zeigte ihr reduziertes Angebot online für einen ausgewählten Kreis von 1.500 Journalisten und ein paar Tausend Branchenvertretern. Für normale Zuschauer gab es keinen Zugang, im Unterschied zu anderen Festivals in Deutschland. Im Juni soll dann das Publikum zum Zuge kommen.

Es ist nicht ungewöhnlich heutzutage, Kinofilme vorab auf dem kleinen Bildschirm zu sehen. Jeder Programmkurator nutzt diese Möglichkeit, und mittlerweile verschicken auch die Verleiher von Arthouse- und Low-Budget-Werken ihre Filme als Screening-Link an die Presse. Man ist, leider, daran gewöhnt. Dass das Sichten auf dem PC-Bildschirm oder dem Smart-TV eine eher einsame und vor allem: unkommunikative Sache ist, muss man wahrscheinlich niemandem erläutern. Und dass ein Film natürlich auf der großen Leinwand ganz anders wirkt, auch nicht. Der kleine Bildschirm kann so manchem optisch grandiosen Film das Genick brechen, Tim Fehlbaums als Special gezeigtem dystopischen "Tides" etwa, der nur auf dem Wasser und im Nebel spielt: Nuancen sind da nicht zu erkennen. Und Überwältigung ist auch nicht.

15 Filme zeigte die Berlinale in ihrem Wettbewerb, zwei davon, die zwei deutschen Beiträge "Fabian" von Dominik Graf und "Nebenan" von Daniel Brühl, gab es gar nicht erst zu streamen, nur die Jury und eine Handvoll Journalisten in Geheimvorstellungen haben sie gesehen. Bei fünf Tagen sind das weniger als drei Filme am Tag. Ein professioneller Festivalgeher schafft eigentlich mehr. Aber selbst nur zwei Filme auf der heimischen Couch können sehr lang werden. Denn es ist das gravierendste Defizit des Online-Sichtens, dass das Herausgehobensein aus der gewohnten Umgebung völlig fehlt und damit auch die Konzentration.

Wer ein Festival besucht, macht nicht viel anderes, als Filme zu sehen oder über sie zu reden. Und auf der Couch oder im Büro, da kommen Anrufe, macht man sich einen Kaffee oder checkt schon mal seine Mails, wenn sich nicht viel auf der Mattscheibe tut. Sieht ja keiner. Das schadet der Wahrnehmung. Und es ist ungerecht. Für mich war die Berlinale das mittlerweile fünfte Online-Festival. Auch wenn so manche Festivalleitung darüber spekuliert hat, ob das Streamen in Zukunft integraler Bestandteil eines Festivals wird: Online wird immer nur eine Krücke sein. Wir fahren nach Berlin.

Aus epd medien 11/21 vom 19. März 2021

Rudolf Worschech