Festgefahren bei Kriegerischem. Das mediale 9/11 wirkt nach

epd Aus Schock, Fassungslosigkeit, Panik und Trauer wurde vor 20 Jahren in kürzester Zeit die Bereitschaft zum Krieg. Einem Krieg, der beinahe zwei Jahrzehnte dauern würde. Wir sprechen vom 11. September 2001. Suizid-Entführer lenkten Passagierflugzeuge in das World Trade Center in New York City und in das US-Verteidigungsministerium. Damals schufen „die Medien“ wenig Raum für gedankliche Alternativen zu dem von Präsident George W. Bush umgehend forcierten Krieg. Eigentlich gar keinen - das kam teuer zu stehen.

Menschen hatten Angst, Unvorstellbares war eingetreten. Die mächtigen Bilder der Katastrophe überwältigten. Bei den Videos kommen einem noch heute die Tränen. Das Entsetzen der Menschen auf den Straßen von Manhattan, als die brennenden Türme einstürzen, erst der eine, dann der andere. Der wohl todgeweihte Mann hinter einem eingeschlagenen Fenster hoch oben in einem Turm des Welthandelszentrums. Wegrennende werden verfolgt von der grauen Staubwolke des Einsturzes. Die Wahrzeichen von New York sind weg. Aus den Mutmaßungen der TV-Moderatoren, man werde mit „beträchtlichen Todeszahlen“ rechnen müssen, wurde Gewissheit.

„Es ist 8.52 Uhr hier in New York. Ich bin Bryant Gumbel“, begann der Livebericht an diesem Morgen im Network CBS. Anscheinend sei ein Flugzeug in das World Trade Center gecrasht. Am Telefon befragen Gumbel und Kollegen Augenzeugen. Das Weiße Haus und das Kapitol in Washington würden evakuiert, berichteten die Sender. Das Pentagon brenne. Man brauchte kein Bekennerschreiben bei diesen Angriffen auf die Symbole der US-amerikanischen Macht. Es sei Krieg, stand am Tag danach groß in der „New York Daily News“. „Ein Akt des Krieges“ in der „New York Post“. „Krieg in der Heimat“ in der „Dallas Morning News“. „Die US angegriffen“ im „Philadelphia Inquirer“ und „TERROR“ in der „Seattle Times“.

Schnell wurde der Massenmord dem islamistischen Terrornetzwerk Al-Kaida zugeschrieben. Präsident Bush rief den Krieg gegen den Terrorismus aus. Er stieß auf wenig Gegenrede. „In der Zeit unmittelbar nach 9/11 wurde gesunde Skepsis (...) plötzlich knappes Gut in den meisten amerikanischen Redaktionen“, schrieb der langjährige CBS- und NBC-Korrespondent Marvin Kalb in einem neuen Kommentar auf der Webseite des Think Tanks „Brookings Institution“. Eine „Aufwallung von altmodischem Patriotismus“ habe die Berichte über Bushs Antwort auf die terroristischen Angriffe gefärbt.

Kalb zitierte CBS-Moderator Dan Rather, in den Redaktionen habe sich die Angst verbreitet, unpatriotisch zu erscheinen. Bald sprachen manche Reporter von „wir“ bei Berichten über US-Maßnahmen. Das sollte sich ein paar Jahre später beim Irakkrieg und der „Suche“ nach den nicht-existierenden Massenvernichtungswaffen wiederholen. Zu diesem Zeitpunkt konnte man die fehlende Skepsis schon nicht mehr mit dem Hochdruck in den Redaktionen unmittelbar nach 9/11 begründen.

Nach anfänglichem Enthusiasmus dümpelte „Afghanistan“ eher im Stauwasser der US-Berichterstattung. Der mit 9/11 begründete Krieg in Afghanistan ist im August zu Ende gegangen. Viele Berichte klangen so wie die offiziellen Versicherungen vor wenigen Wochen, wonach das schnelle Ende unerwartet gewesen sei. Die regierungsvertrauende Ursünde, dass Krieg als Mittel geradezu unausweichlich sei und man in Afghanistan einen gerechten Krieg führe, die bleibt. Darüber wäre jetzt Zeit zum Nachdenken - und beim nächsten Mal, wenn das Ja zum Krieg wieder einmal mit Alternativlosigkeit und Patriotismus gleichgesetzt werden sollte. Und sei es nur ein Drohnenkrieg. Aus epd medien 35/21 vom 3. September 2021

Konrad Ege