Faktenportal mit Bremer Schlüssel. "Die Zeit" wird 75 Jahre alt

Vor 75 Jahren, am 21. Februar 1946, erschien "Die Zeit" zum ersten Mal. Seitdem ist sie stetig jünger geworden. Über Jahrzehnte prägten reine Textseiten mit wohldurchdachten Meinungen und tiefgründigen Analysen das Blatt. Verglichen mit anderen Medien sind die Texte zwar immer noch recht lang, sie werden jedoch in einem zeitgemäßen Layout präsentiert. Der Erfolg gibt der Wochenzeitung recht: Während die Auflagen etwa bei "Spiegel" oder "Stern" stetig zurückgehen, erreicht die "Zeit" neue Spitzenwerte - zuletzt wurden 547.390 Stück verkauft, darunter 186.062 E-Paper-Exemplare.

Prägende Figur der "Zeit" war ihr Verleger Gerd Bucerius (1906-1995). Gemeinsam mit drei anderen Unternehmern erhielt er nach Kriegsende von den britischen Militärbehörden die Lizenz für eine Wochenzeitung. Die Zeiten waren hart, das Engagement groß: In ungeheizten Räumen, "im Bett mit Pelzmütze und Handschuhen" habe sie geschrieben, erinnerte sich Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002) an die Anfangsjahre. Acht Seiten hatte die erste Ausgabe - für 40 Pfennig. Fotos gab es nicht, der wenige Platz wurde für Texte benötigt. Vor allem bei den Fischhändlern sei das Blatt beliebt gewesen, spöttelt der frühere Chefredakteur und Herausgeber Michael Naumann. Papier war damals rar. 25.000 betrug die erste Auflage, die von da an ständig stieg.

Im Backstein-Bau am Hamburger Speersort residierten seinerzeit neben der "Zeit" auch "Stern" und "Spiegel". Allerdings brachte das Blatt anfangs kein Geld ein. 1951 kaufte sich Bucerius beim "Stern" ein, dessen Gewinne er bei der "Zeit" investierte. 1973 schrieb die "Zeit" erstmals schwarze Zahlen. Politisch war das Blatt zunächst fest im konservativen Milieu verankert. Bucerius war Bundestagsabgeordneter der CDU, auch wenn er als recht kritisch galt. Chefredakteur Richard Tüngel forderte schon früh die Wiederbewaffnung, Gräfin Dönhoff verurteilte die Nürnberger Prozesse als Siegerjustiz und historisches Unrecht. Erst in den 60er Jahren gab sich die "Zeit" liberaler und unterstützte unter anderem die Ostpolitik Willy Brandts.

Heute sieht Chefredakteur Giovanni di Lorenzo die Stärke der "Zeit" in der Vielfalt. Statt Meinungen seien derzeit vor allem zuverlässige Fakten gefragt: "Vielleicht sind Fakten die neue Meinung." Die "Zeit" sei erfolgreich mit einem breiten Spektrum an Themen, das sowohl Konservative und Wirtschaftsliberale als auch Linksökologen ansprechen solle. "Große Medien müssen so eine Art Volkspartei sein", sagt di Lorenzo.

Nur mühsam hat sich die "Zeit" über die Jahre von ihren "Bleiwüsten" verabschiedet. 1970 erschien mit dem "Zeit"-Magazin das bundesweit erste Supplement - sehr bunt und mit viel Platz für teurere Anzeigen. Gräfin Dönhoff habe deshalb sogar kündigen wollen, erinnert sich Ex-Chefredakteur Naumann. Sie war eine Freundin der tiefen Analysen und zeilenstarken Kommentierungen, Fotos hielt sie für verzichtbar. Nach dem Tod von Bucerius 1995 ging die "Zeit" an die Holtzbrinck-Gruppe. Das Layout wurde erneuert, die Titelseite mit Fotos belebt. 1996 ging die "Zeit" auch online, 1998 kam die Farbe. Heute präsentiert sie Magazine, Podcasts und Diskussionsveranstaltungen.

1983 wurde Helmut Schmidt nach seiner Abwahl als Kanzler Herausgeber der "Zeit" und engagierte sich in den Redaktionskonferenzen. "Schwache Argumente vernichtete er mit seinem gefürchteten Haifischlächeln, das wir bis dahin nur aus dem Fernsehen kannten", erinnerte sich der ehemalige Chefredakteur Theo Sommer. Das Hanseatische hat sich die "Zeit" bewahrt: Bis heute ziert ein hanseatisches Wappen das Blatt. Die ersten Ausgaben zeigten noch das Hamburger Tor. Doch nach einer Intervention des Senats, der ein Hoheitszeichen nicht auf einer Zeitung sehen wollte, knüpfte man Kontakt zur Hansestadt Bremen: Seitdem ziert ein Bremer Schlüssel den Titel der Hamburger "Zeit".

Aus epd medien 7/21 vom 19. Februar 2021

Thomas Morell