Explosive Entwicklungen. Mediengeschichte im Technoseum

Ob und wie Medien ins Museum passen, darüber lässt sich streiten. Schnell stellt sich die Frage, ob es eher um Geräte oder um Inhalte gehen sollte. Geräte haben den Nachteil, schnell wie Kuriosa von Vorgestern anzumuten. Stattdessen Medieninhalte zu präsentieren, ist keine Alternative mehr, seit jeder jederzeit auf dem Smartphone Texte, Töne und Bilder aller Epochen abrufen kann. Youtube, das Videoportal des Datenkraken Google, hat sich zu einem kulturellen Gedächtnis der Welt entwickelt, auf dem fast alles überall zu finden ist.

Eines der besten Was-mit-Medien-Museen in Deutschland setzt gattungsübergreifend und kompakt eher auf Geräte. Die 2018 eröffnete Mediengeschichte-Abteilung im Mannheimer Technoseum widmet sich allein elektronischen Medien. Von der "Medienexplosion" im 19. Jahrhundert künden Objekte wie der Typendrucktelegraph mit Klaviertastatur und ein zum Briefbeschwerer umgewandeltes Überseekabel. Das Vermitteln von Telefongesprächen war eine wichtige Tätigkeit, die Geschicklichkeit erforderte. Beim "Fräulein-vom- Amt"-Eignungstest können Besucher ihre eigene Fingerfertigkeit erproben.

An Anknüpfungspunkten an die Gegenwart herrscht kein Mangel: Der 1865 standardisierte Morsecode erinnert an die noch immer nicht vergangene Vergangenheit, in der Emojis auf Tastaturen erzeugt wurden ;-). Die Influenzmaschinen, die für die buchstäblich überspringenden Funken wichtig waren, von denen der Begriff "Rundfunk" abgeleitet wurde, lassen an die derzeit so einflussreichen "Influencer" denken.

Wer lieber alles übers eigene Smartphone betrachtet, kann mit einer App in "Augmented Reality" eintauchen, traditionalistische Nutzer können gut ausgewählte Hör- und Sehbeispiele abrufen: eine Fußball-Reportage zum Hören von 1930 oder eine zum Sehen aus dem Ruhrgebiet der 1960er, "wo die Antennen sprießen", über die frühes Fernsehen übertragen wurde.

Zu den Ausstellungsstücken zählen Fernsehmöbel der Firma Kuba aus Wolfenbüttel, das älteste erhaltene Tonbandgerät der Welt, das 1936 die BASF entwickelte, und der rote Knopf, mit dem Bundeskanzler Brandt 1967 bei der Internationalen Funkausstellung vermeintlich das Farbfernsehen "startete", der aber nur die Funktion besaß, auf damals gängigen Bildschirmen gut sichtbar bunt zu erscheinen. Fotoapparate waren lange Zeit die einzigen Geräte, um Fotos aufzunehmen - sie sind ebenso im Technoseum zu sehen wie klobige Mobiltelefone. Unscheinbarer aber umso aufschlussreicher ist die Entwicklung der Speichermedien: Wie wenig Speicher heute kostet und wie wenig Platz er einnimmt, zählt zu den wichtigsten technologischen Treibern.

Die Abteilung ist überschaubar. Mit einem Übertragungswagen des alten Süddeutschen Rundfunks von 1952 geht es im Technoseum über zu den Autos, die in Mannheim eine große Rolle spielen. Das spiegelt, dass die Medien immer schon ein Teil zusammenhängender und besonders von Mobilität getriebener Entwicklungen waren.

Was definitiv für die mediengeschichtliche Abteilung des Technoseum einnimmt, ist ihr Umgang mit der Zukunft. Der Frage "Wie verändern Internet und digitale Medien unser Leben?", über die Manager und Forscher überall auf der Welt in Echtzeit rätseln, widmet sich nur eine Vitrine. Zu den Ausstellungsstücken gehören "Wearables" (wie Mediengeräte in Form von Armbanduhren), ein Facebook-Daumen und ein schwedisches Verkehrsschild zur Warnung vor "Smartphone-Zombies" - also Menschen, die derart auf ihr Gerät fixiert sind, dass sie kaum anderes wahrnehmen. Von Museen erwartet niemand ernsthaft Einblicke in die Zukunft. Besucher können jedoch das gute Gefühl mitnehmen, dank des guten Überblicks über die schon immer als "explosiv" empfundenen vergangenen Medien-Entwicklungen gelassener auf das blicken zu können, was kommt.

Aus epd medien 37/19 vom 13. September 2019

Christian Bartels