Es war einmal in der DDR: "Die Kinder von Golzow"

20 Filme. 46 Jahre. 45 Stunden Filmmaterial. Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Zahlreiche Preise. Die längste Dokumentation der Filmgeschichte. Doch all die Superlative können nicht erklären, warum die Defa-Langzeitchronik "Die Kinder von Golzow" ein so enormer Erfolg wurde. Denn das Thema, das Sujet, der Schauplatz dieser Dokumentation versprachen nichts sonderlich Aufregendes: 18 Kinder, eingeschult in einer ganz normalen Grundschule in Golzow, einem Dorf im Oderbruch, und deren Lebenswege.

Der erste Film mit dem Titel "Wenn ich erst zur Schule geh" von 1961 war ein Porträt der Kinder kurz vor der Einschulung, der letzte mit dem Titel "… dann leben sie noch heute - Das Ende der unendlichen Geschichte" entstand 2007. Längst waren die "Kinder von Golzow" zum Lebenswerk der Filmemacher Winfried und Barbara Junge geworden, die damit eine Idee von Karl Gass, dem Nestor des DDR-Dokumentarfilms realisierten. Wäre ein solches Projekt heute überhaupt noch denkbar? Kann man sich heute noch vorstellen, dass immer wieder Tausende Menschen ins Kino gehen würden, um dort den "Kindern von Golzow" beim Großwerden zuzusehen?

Ein kleines Land namens DDR, in dem es kaum jemanden gab, an dem die "Kinder von Golzow" komplett vorbeigegangen wären. Kann man sich heute noch vorstellen, dass man sich die Filme ansah, auch wenn manche mehr als drei Stunden lang waren?

Der RBB wiederholt zurzeit "Die Kinder von Golzow" und hat die Filme auch in die Mediathek gestellt. Und dann bleibt man bei der "Geschichte von Onkel Willy aus Golzow" hängen, gedreht 1995, man schaut die gesamten 145 Minuten mitten in der Nacht und weiß wieder genau, was diese Dokumentation so einzigartig machte: Willy, der ein wenig in sich gekehrte Erstklässler, der sich schwertut mit dem Lernen, aber Biologie macht ihm Spaß, weil man da was über die Tiere und die Pflanzen erfährt.

Willy, der, gefragt, was er später mal werden will, nicht etwa Feuerwehrmann sagt oder Kosmonaut, sondern der unbeholfen sagt, er wolle was machen, "was nützlich für Menschen ist". Der sieben Schuljahre in acht Jahren absolviert, Landmaschinenschlosser lernt, bis er sämtliche Maschinen beherrscht, der sich eine prächtige Matte wachsen lässt, 70er Jahre eben und auch Ausdruck einer Haltung. Ein junger Mann, dessen Sache nicht das Reden ist, sondern das Schaffen mit den Händen. Der gut mit den Frauen kann - die erste frühe Ehe mit zwei Kindern. Dann die Scheidung, die zweite Familie. Und nach der Wende, Anfang der 90er, der erste Gang zum Arbeitsamt. So fremd für so viele im damaligen Osten.

Warum schauten wir uns das an? Weil das wir waren, unsere Leben. Weil es hier nicht um irgendein Kollektiv ging, sondern um Persönlichkeiten, ihre Träume und ihre individuellen Lebenswege. Weil man in diese offenen Kindergesichter schaute, in einer Zeit, in der der letzte Krieg gerade mal 16 Jahre zurücklag und in der die Hoffnung auf eine bessere Welt und Fortschritt groß war. Weil der Film auch zeigte, dass diese Hoffnung über die Jahre nicht blieb. Hier war nichts ideologisch oder pathetisch aufgeladen.

Mit sanfter, leiser Hartnäckigkeit unterliefen die besten Dokumentarfilmer der DDR damit die staatlichen Vorgaben. Man sah den blanken, ungeschönten Alltag, unseren Alltag, die Zweifel, die Widersprüche. Die langen Pausen zwischen den Sätzen, das Schweigen erzählte oft mehr als viele Worte. Die vielen feinen Schattierungen - auch das war typisch für dieses Land. Wer sich in 30 Jahren die Filme anschauen wird, wird nicht nur die Porträts einiger heranwachsender Golzower und ihre Suche nach ihrem Platz in der Welt sehen, nicht nur die Studie eines ländlich-arbeiterlichen Milieus in einer eher spröden Landschaft, sondern auch die Chronik eines kleinen Landes, das seine Bewohner prägte und irgendwann unterging, aber dennoch Spuren hinterließ.

Aus epd medien 26/20 vom 26. Juni 2020

Ulrike Steglich