Es bleibt kompliziert. Die Digitalisierung und die Gesellschaft

Auf das Internet richteten sich in den 90er Jahren viele Hoffnungen: Demokratisierung und Transparenz sollte es bringen, die Gesellschaft insgesamt besser machen. Doch 20 Jahre später macht sich angesichts von Hassbotschaften, Fake News und der Beobachtung einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft Ernüchterung breit: Das Netz scheint der Demokratie zu schaden und ein friedliches Zusammenleben eher zu erschweren. Angesichts dieses Befunds warnte der Direktor der Hessischen Landesanstalt für Privaten Rundfunk und neue Medien (LPR), Joachim Becker, am 4. April beim LPR-Forum Medienzukunft vor den Folgen der Erosion der aufgeklärten Kultur für das demokratische Gemeinwesen. In dieser Zeit sei es besonders wichtig, dass die Landesmedienanstalten die Medienkompetenz der Nutzer fördern.

Die Ernüchterung, sagte die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann, beherrsche derzeit die Erzählungen über das Internet in der deutschen Presse. Hofmann, Gründungsdirektorin des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin, machte darauf aufmerksam, dass in dieser Erzählung der Technik eine eigentümliche Autonomie zugeschrieben werde: "Es ist so, als sei das Digitale etwas Eigenlogisches, das sich immer weiter entwickelt." Dabei sei es doch die Gesellschaft, die das Internet gestalte und weiterentwickle.

Die Herausforderungen, vor der die Gesellschaft durch die neue Öffentlichkeit im Internet steht, sind auch nach Ansicht von Hofmann enorm. Einige dieser Herausforderungen beschrieben der Psychologe Sebastian Markett und der Philosoph Markus Gabriel. Während Markett vor den süchtig machenden Funktionsweisen der sozialen Medien warnte, beschäftigte sich Gabriel mit dem geldwerten Vorteil, den Unternehmen wie Facebook daraus ziehen, dass Milliarden Menschen auf der Welt das soziale Netzwerk nutzen und ihm ihre Daten überlassen: "Wir sind digitales Proletariat einer US-amerikanischen Elite", sagte der Philosoph und forderte, die sozialen Medien müssten jedem Geld geben, der dadurch, dass er sie nutzt, für sie arbeitet.

Auch die traditionellen Medien nutzen die sozialen Medien, um ein jüngeres Publikum zu erreichen. Doch damit begeben sie sich in die Abhängigkeit von diesen, warnte der Medienwissenschaftler Stephan Weichert. Er schilderte, dass Nutzer Probleme hätten, bei den vielen Informationen, die sie auf Facebook aufnehmen, zu unterscheiden, welche Informationen von redaktionell erstellten Medien stammen und recherchierte Fakten präsentieren und welche nur Gerüchte wiedergeben oder gar von Unternehmen gesteuerte Geschichten mit einem unternehmensfreundlichen "Spin" sind. Umso wichtiger sei es, dass junge Menschen schon in der Schule lernten, analytisch zu denken und ihr Medienumfeld zu reflektieren, sagte Dorothee Meister, Professorin für Medienpädagogik an der Universität Paderborn.

Die Journalistin Susanne Gaschke forderte in ihrem Fazit zur Tagung, die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung analog zu anderen Großtechnologien zu diskutieren. Die Frage, wie sich das Internet entwickle, dürfe nicht Großkonzernen überlassen bleiben, auch hier müssten demokratisch legitimierte Entscheidungen getroffen werden.

Das LPR-Forum Medienzukunft, das in diesem Jahr unter der Überschrift "Entgrenzt_ optimiert_ ersetzbar. Digitale Herausforderungen an das Ich und was daraus für die Gesellschaft folgt" stand, zeigte einmal mehr: Es bleibt kompliziert. Die Tagung wurde zum zehnten Mal von der Journalistin Ingrid Scheithauer im Auftrag der LPR organisiert und moderiert. Wir dokumentieren die Vorträge und die Diskussion gekürzt um einige Gruß- und Dankesformeln mit freundlicher Genehmigung der LPR Hessen und der Autoren.

Aus epd medien 22/19 vom 31. Mai 2019

Diemut Roether