Ene kölsche Fernseh-Familie. Zum Tod von Fred Fussbroich

epd Am 18. Oktober starb Fred Fussbroich im Alter von 81 Jahren. Das wird vor allem denjenigen etwas sagen, die in den 1990er Jahren das Fernsehprogramm wahrnahmen. Denn Fred Fussbroich, seine Frau Annemie und auch ihr Sohn Frank waren Protagonisten der ersten deutschen Dokusoap - zu einer Zeit, als es diesen Begriff in Deutschland noch gar nicht gab.

Die Dokumentarfilmerin Ute Diehl hatte zunächst einen kleineren, dann einen längeren Dokumentarfilm gedreht, in denen diese Kölner Arbeiterfamilie im Mittelpunkt stand. 1990 beschloss sie, aus ihrem reichhaltigen Material eine kleine Serie zu schneiden, die dann im Weihnachtsprogramm des WDR Fernsehens ausgestrahlt wurde. Und was kaum jemand erwartet hätte: „Die Fussbroichs - Die einzig wahre Familienserie“ wurde zu einem kleinen Sensationserfolg. Das führte jährlich und ab 1994 halbjährlich zu weiteren Staffeln, in denen das Leben der Familie weiter beobachtet und szenisch verdichtet wurde.

Der Erfolg der Serie hatte seine Ursache in der Art, wie das Ehepaar das alltägliche Leben kommentierte. Beide waren nicht auf den Mund gefallen, sprachen mal in Sentenzen und Redensarten, mal auch frei von der Leber weg, was sie von diesem oder von jenem hielten. Da Ute Diehl sie immer wieder in Situationen schickte, die den Zuschauern aus ihrem eigenen Leben bekannt waren, kommentierte das Ehepaar gleichsam auch das Leben derer, die ihnen zuschauten. Man musste nicht ihrer Meinung sein, um den Unmut zu verstehen, der sich angesichts langer Warteschlangen in Supermärkten oder Möbelhäusern einstellte, oder um die Einsichten nachzuvollziehen, die das Ehepaar zum eigenen Altern von sich gab.

Beide sprachen ein abgemildertes Kölsch, so dass sie zumindest über die Kölner Stadtgrenzen hinaus verständlich waren. Dass das Verständnis aber im Rest der Republik begrenzt war, erlebte der Autor in der Nominierungskommission des Grimme-Preises von 1992. Denn als die Kommission in ein oder zwei Folgen hineingeschaut hatte, musste ein Kollege aus Bayern eingestehen, dass er kaum etwas verstanden habe. Er müsse, sagte er, also dem Votum seiner der Sprache kundigen Kolleginnen und Kollegen vertrauen, wenn er für die Serie stimme. Das half ihr über die Hürde der Vorauswahl.

Und es geschah, was keiner aus der Nominierungskommission erwartet hatte, auch in der Hauptjury fand die Serie von Ute Diehl Anerkennung. Sie erhielt einen Preis „mit Bronze“ - in einem Jahr, in dem die Preise „mit Gold“, die damals noch vergeben wurden, immerhin an Heinrich Breloer und Alexander Kluge gingen.

Im WDR Fernsehen wurden bis ins Jahr 2002 insgesamt 100 Folgen der Serie ausgestrahlt. Ende der 1990er Jahre schwappte dann von Großbritannien die Erfolgswelle dessen, was nun Dokusoap hieß, auch nach Deutschland. Viele Sender begannen, nach Stoffen zu suchen, die sich dokumentarisch serialisieren ließen. Auch Arte gab eine Reihe solcher Produktionen in Auftrag, unter diesen befand sich mit „Abnehmen in Essen“ von Claudia Richarz eine Serie, die ebenfalls vom Sprachwitz ihrer Protagonistinnen lebte und im Jahr 2000 einen Grimme-Preis erhielt.

Mit vielem, was heute als Dokusoap oder „Reality“ firmiert, hatte die Serie „Die Fussbroichs“ wenig gemein. Sohn Frank, der in den Nuller Jahren versuchte, in diesem Reality-Fernsehen Fuß zu fassen, blieb der Erfolg versagt. Zwar waren auch in der WDR-Serie viele Momente von der Regisseurin vorgegeben oder, wie sie selbst in einem Interview mit epd medien sagte: „konstruiert“, aber Szenen, in denen sie die Dialoge vorschrieb (oder wie es heute heißt: skriptete) waren die absolute Ausnahme.

Aus epd medien 44/22 vom 4. November 2022

Dietrich Leder