Eine erwachsene Frau. Zum Tod von Bettina Gaus

epd In ihrer letzten Kolumne, die am 21. Oktober online beim „Spiegel“ erschien, warnte die Journalistin Bettina Gaus vor einer „Entmündigung der Frau“ durch die '„#MeToo“-Debatte im Zusammenhang mit dem Verhalten des gefeuerten „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt. Da habe sich ein „merkwürdig prüder Ton“ in die Berichterstattung geschlichen, schrieb sie, nicht alle Frauen, die Beziehungen mit Vorgesetzten eingehen, seien grundsätzlich Opfer. Sie selbst habe als junge Journalistin einmal eine Beziehung mit einem Vorgesetzten gehabt, und damals sei nichts ohne ihr Einverständnis geschehen.

Diese Kolumne war typisch Gaus: Sie war eine selbstbestimmte Frau, und sie pochte auf diese Selbstbestimmtheit. Das war auch der Grund, warum sie als politische Korrespondentin der „tageszeitung“ 20 Jahre lang zu Hause (heute würde man sagen: im Homeoffice) arbeitete. Sie wollte rauchen können, wann sie Lust darauf hatte - sie sagte einmal, sie rauche 40 bis 60 Zigaretten am Tag -, und es machte sie rasend, wenn Menschen in ihrer Nähe laut telefonierten.

Sie selbst beschrieb sich mit dem schönen Wort „erwachsen“. Sie war früh und sehr gerne erwachsen, denn sie war „nie besonders gern Jugendliche“. Und dieses Erwachsensein forderte sie auch von anderen. Zuletzt in ihrer „Spiegel“-Kolumne am 30. September, in der sie den Politikern und Politikerinnen nach der Wahl vorwarf, dass der Diskurs durch persönliche Befindlichkeiten und Wehleidigkeit bestimmt sei: „Sogar Konflikte zwischen Teenies werden im Regelfall auf weniger pubertäre Weise bereinigt als Zwistigkeiten derzeit in Berlin.“

Dieser Anspruch zeichnete sie ebenso aus wie die erfrischende Nüchternheit und Klarheit ihrer Texte. Sie hatte keine Angst, sich unbeliebt zu machen, sie liebte Auseinandersetzungen und argumentierte gern, wenn es um Themen ging, die ihr wichtig waren.

Bettina Gaus hat in ihrem Elternhaus früh gelernt, sich für Politik zu interessieren und darüber zu reden. In ihrer Kindheit hätten „politische Gespräche in Gegenwart und auch unter Einbeziehung eines Kindes oder einer Heranwachsenden ebenso selbstverständlich zum Alltag gehört wie eine Unterhaltung über den Gesundheitszustand der Großeltern oder mögliche Ausflugziele am Wochenende“, schrieb sie. Als ihr Vater Günter Gaus, der unter anderem Chefredakteur beim „Spiegel“ und Programmdirektor beim Südwestfunk war, ein Buch über Herbert Wehner schrieb, machte die Familie Gaus gemeinsam mit der Familie Wehner Urlaub auf Öland. Die damals neunjährige Bettina habe Wehner sehr verehrt, schrieb Gaus in seinen Erinnerungen.

Als ich Bettina Gaus kennenlernte, 1986, bei der Deutschen Welle, war sie Ende 20 und schon sehr erwachsen. Sie lief mit festen, schnellen Schritten über die Flure des Hochhauses am Raderberggürtel in Köln, das inzwischen abgerissen ist. Es war der selbstbewusste Gang einer Frau, die sich und ihre Arbeit ernst nahm. 2006 fragte ich die Gaus, ob ich sie für ein Buch porträtieren dürfe, das „Die Alpha-Journalisten“ heißen sollte. Sie sagte, sie wolle nicht in einem Buch mit einem solchen Titel auftauchen. Solche Zuschreibungen widersprachen ihrem Verständnis einer demokratischen Medienöffentlichkeit. Sie war der Meinung, dass Journalisten über andere schreiben sollten, aber nicht zu denen werden sollten, über die geschrieben wird. Sie sei nicht wichtig. Ich durfte dann doch über sie schreiben.

Nun, zu ihrem Tod, haben sehr viele über sie geschrieben, und darin sind sich alle einig: Sie war eine große Journalistin, ihre Stimme wird fehlen. Fehlen wird sie auch in den Talkshows, wo sie auffiel, weil sie tatsächlich etwas zu sagen hatte, weil sie keine vorgefertigten Stanzen absonderte, sondern mit ihrer erfrischenden Nüchternheit Gedanken entwickelte, die stets zum Weiterdenken anregten.

Aus epd medien 44/21 vom 05. November 2021

Diemut Roether