Ein bisschen zermürbend. Die US-Wahlnacht im deutschen Fernsehen

Joe Biden hat kein Glück mit Texas, Jörg Schönenborn aber auch nicht. Immer wieder färbt er den Südstaat auf dem Bildschirm ungewollt ein; der Meister der ARD-Wahlstatistiken muss den Arm nur halbwegs in die Nähe der texanischen Fläche auf der digitalen Landkarte bringen. Er nennt Texas deshalb "vorwitzig". Die technische Mini-Panne ist aber nichts gegen den Umstand, dass die lange Wahlnacht beinahe zu einem Déjà-vu der Ereignisse vor vier Jahren gerät. Beinahe deshalb, weil das Rennen in der US-Präsidentschaftswahl am Mittwochmorgen noch nicht entschieden ist.

Aber die Umfragen hatten Herausforderer Biden wie einst Hillary Clinton deutlich vorne gesehen - und lagen auch bei vielen Swing States, wo die Chancen auf einen Sieg sehr knapp waren, wieder daneben. Auch für Schönenborn war Biden der Favorit. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte kann am Morgen in der ARD-Wahlsendung mit Fug und Recht behaupten, da habe man mal wieder "den Wunsch mit der Wirklichkeit verwechselt".

Laut einer im ZDF präsentierten Umfrage hätten in Deutschland 89 Prozent für Biden und nur vier Prozent für Trump gestimmt. Gemessen daran waren Trump-Anhängerinnen in den zahlreichen Gesprächsrunden dieser Fernsehnacht eher über- als unterrepräsentiert. Auch Beatrix von Storch (AfD) durfte sich im überflüssigsten Gesprächskreis dieser langen Nacht im ZDF mit Katja Kipping (Die Linke) und Cem Özdemir (Grüne) fetzen.

An einem ernsthaften Bemühen, die Gründe für Trumps mögliche Wiederwahl zu verstehen, mangelte es in Interviews und Einspielfilmen durchaus nicht. Claus Kleber vom "Heute-Journal", der wie sein "Tagesthemen"-Kollege Ingo Zamperoni in die USA gereist war, nennt Trumps Tiraden bei "Markus Lanz" zwar "widerlichen Unsinn", betont aber gleichzeitig, es gebe "absolut honorige, gebildete Trump-Anhänger". Es klingt, als rede er über Außerirdische.

Die Kluft ist tief zwischen Deutschland und dem Trump-Amerika. In einer Nacht, so kurz nach einem Terroranschlag in Wien und mitten in einer Pandemie, sind die auf allen Sendern immer wieder gezeigten Bilder und Zitate aus Donald Trumps Präsidentschaft für viele Zuschauer eine (leider notwendige) Zumutung.

Die privaten Kanäle stimmen mit boulevardesken Filmen über die First Lady oder über "Trump und die Frauen" auf die Wahl-Nacht ein, was ziemlich peinlich ist. So berichtet Frauke Ludowig von "Exclusiv" (RTL), dass Donald Trump "für unsere Sendung immer mega interessant" war. Model Alessandra Meyer-Wölden wird zu einem Wahlkampf-Auftritt geschickt und steht ein bisschen im Publikum herum - was vor dem Werbespot mit dem reißerischen Satz angekündigt wird: "Dem Präsidenten ganz nah."

Das endlose Palaver und die zähe Zahlenschlacht sind "ein bisschen zermürbend", wie der Fernsehjournalist Jörg Thadeusz gegen 4.45 Uhr im ZDF mit Recht anmerkt. Keine Überraschungen, kein klarer Trend - außer dass der von vielen erhoffte Erdrutschsieg von Joe Biden ausbleibt.

Zeitweise herrscht Verwirrung über den Zwischenstand im Präsidentschaftsrennen. Um zwei Uhr melden RTL/N-TV 17 sichere Wahlmänner-Stimmen für Biden und 26 für Trump, Phoenix/CBS 20:26, CNN 30:18, ARD und ZDF 44:26 sowie der Nachrichtensender Welt 85:55. Das war das Ergebnis einer undurchsichtigen Quellenlage, die Jörg Schönenborn im Ersten zu erläutern versuchte. Christian Sievers, der Schönenborn des Zweiten, war gefühlt immer einen Tick später dran. Dafür hielt er sich klugerweise bei der Prognose zum Ergebnis des wichtigen Staates Ohio zurück, während Schönenborn voreilig behauptete, dass Biden dort gute Chancen habe. Am Ende blieb Ohio im Lager der Republikaner. Wie lange das Rennen dauert, blieb am Morgen noch ungewiss.

Aus epd medien 45/20 vom 6. November 2020

Thomas Gehringer