Drei auf einen Streich. Korrespondenten-Exodus in Rheinland-Pfalz

epd Als die rheinland-pfälzische Landesregierung Anfang September zu einer Pressekonferenz einlud, ging es nicht um Lappalien. Immerhin hatte das Kabinett gerade einen Paradigmenwechsel bei der Corona-Politik beschlossen, der Geimpften eine weitgehende Rückkehr zur Normalität und Ungeimpften wenig Gutes versprach. Dass an jenem Nachmittag dennoch kaum Journalisten den Weg in die Mainzer Staatskanzlei fanden, hatte einen einfachen Grund: Drei der vier großen Regionalzeitungen - die „Rhein-Zeitung“, die „Allgemeine Zeitung“ und der „Trierische Volksfreund“ - hatten gerade nahezu zeitgleich ihre Landeskorrespondenten verloren. Die erfahrenen Journalisten Carsten Zillmann, Ulrich Gerecke und Florian Schlecht arbeiten künftig als Pressesprecher für Ministerien der Ampel-Regierung.

Nun sind „Seitenwechsel“ zwischen politischem Journalismus und Pressestellen von Regierungen, Parteien und Behörden keine Seltenheit. Die Mainzer Regierungssprecherin Andrea Bähner war vor ihrem Wechsel in die Staatskanzlei Redaktionsleiterin beim Landespolitik-Magazin des SWR-Fernsehens. Angela Merkels Sprecher Steffen Seibert kam vom ZDF, dessen Vorgänger Ulrich Wilhelm gelang sogar der Wechsel in die Gegenrichtung aus dem Bundespresseamt auf den Intendantenposten beim BR.

Die Vorgänge in Rheinland-Pfalz sind dennoch bemerkenswert - und sorgten weit über das Mainzer Regierungsviertel hinaus für Wirbel. „Eine zufällige Häufung - oder Zeichen für ein strukturelles Problem der Regionalpresse?“, fragte die „Süddeutsche Zeitung“ und lieferte gleich eine Vielzahl möglicher Gründe - die öffentlich nicht genannt werden - für den Wechsel der drei Korrespondenten. Die Liste reicht von immer neuen Sparmaßnahmen und dem wachsenden Zeitdruck bis zur Erwartungshaltung, Texte müssten vor allem zum Abschluss neuer Digitalabos führen. „Das wirft kein gutes Licht auf die Redaktionsarbeit“, findet Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). „Man darf vermuten, dass die Arbeitsbedingungen bei den Zeitungen wohl nicht so optimal waren.“

Mehr noch: In Mainz lässt sich gerade besonders gut beobachten, wie sich das Verhältnis zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit zuungunsten der Medien verschiebt. Die Pressestellen der Ministerien werden personell weiter aufgestockt, und die Regierung verstärkt insbesondere ihre Social-Media-Aktivitäten, während die Zeitungshäuser überall sparen müssen. Diese Entwicklung betrifft auch die „Rheinpfalz“, die vierte große Regionalzeitung im Land, die sich lange gleich zwei Landeskorrespondenten-Stellen leistete. Eine davon wurde im Frühjahr weggekürzt.

„Da entsteht eine richtige Demokratie- und Kontroll-Lücke“, warnt der Mainzer Journalismus-Professor Tanjev Schultz. Auch, wenn Landespolitik womöglich „nicht so schillernd“ sei wie das Geschehen auf Bundesebene, sei sie doch viel zu wichtig, um sie aus dem Blick zu nehmen. Auch die Außenwirkung des Wechsels hält er für problematisch. Beim Publikum könne der Eindruck entstehen, dass es sich bei Medien und Politik im Prinzip letztlich doch um eine verschworene Kaste handele.

Selbst im Regierungslager gibt es kritische Stimmen zum Exodus der Korrespondenten. Als Abgeordnetem sei ihm wichtig, mit Journalisten auch offene Hintergrundgespräche führen zu können, ohne jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, sagt Martin Haller, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion: „Wenn ich nun aber befürchten muss, dass mein Gegenüber, ein Journalist, schon bald zu einer konkurrierenden Partei wechselt, fehlt mir etwas das Vertrauen.“ Ihm sei bewusst, dass das Geschäftsumfeld für private Medien immer schwieriger werde, räumt Haller ein: „Dennoch glaube ich: Regionale Medien müssen einen Schwerpunkt auf Landespolitik legen, um eine Zukunft haben zu können.“

Aus epd medien 37/21 vom 17. September 2021

Karsten Packeiser