Dissens aushalten. Eine Tagung zu Journalismus in Krisenzeiten

epd „Die resiliente Gesellschaft. Über die nötige Vielfalt an Denkmodellen und den Journalismus in Krisenzeiten“ - dieser Tagungstitel ist nicht sehr eingängig. Kein Wunder, wurde doch auf dem LPR-Forum Medienzukunft im April in Frankfurt am Main ein komplexes Thema verhandelt. Bei der Tagung, die von der Journalistin Ingrid Scheithauer für die Medienanstalt Hessen (LPR) organisiert wurde, ging es darum, wie wir als Gesellschaft mit den immer komplexer werdenden kommunikativen Prozessen umgehen und wie wir diese nutzen können, um die multiplen Krisen zu bewältigen, mit denen wir es derzeit zu tun haben.

„Resilienz ist die Fähigkeit, auf Probleme und Veränderungen zeitnah und konstruktiv zu reagieren.“ Mit dieser Definition eröffnete Viktor Mayer-Schönberger, Professor of Internet Governance and Regulation an der University of Oxford, seinen Vortrag. Er hob darauf ab, dass es nicht die Informationen allein sind, die uns befähigen, in Krisensituationen gute Entscheidungen zu treffen. Vielmehr gehe es um gedankliche Modelle, mit denen wir uns vorstellen können, was passiert, wenn ich dieses oder jenes tue oder lasse. Mayer-Schönberger nennt diese Art der Problemlösung, die auf der Vorstellung „Was wäre, wenn“ beruht, „zielgerichtet träumen“.

Das Problem bei unserer Neigung, uns an Denkmodellen zu orientieren, ist allerdings, dass wir die bekannten und vor allem die einfachen Modelle bevorzugen. Denkmodelle nämlich, die nicht von uns verlangen, „dass wir Ambiguitäten, Mehrdeutigkeiten aushalten“ müssen, erläuterte die Sozialpsychologin Ayline Heller. Diese Neigung der Menschen, die Welt in Gut und Böse einzuteilen, befördere die Polarisierung der Gesellschaft. Auch die Rechtswissenschaftlerin Indra Spiecker mahnte, dass unsere Gesellschaft den streitbaren, demokratischen Diskurs zu wenig lebe und auch nicht mehr akzeptiere. Wichtig sei, den Dissens auszuhalten - auch die Wissenschaft lebe davon.

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel dachte diesen Gedanken noch weiter und beklagte im Zusammenhang mit der Verengung der Diskurse eine Moralisierung der Debatten: Die eigene Position werde moralisiert, während die gegnerische Meinung als unmoralisch abgewertet werde. Es gehe darum, vermeintlich unmoralisch argumentierende Personen aus dem Diskurs auszuschließen. Dieser Moralismus bringe eine „problematische Binarität in den politischen Diskurs“.

Die Journalistin und Beraterin Alexandra Borchardt zeigte einige Möglichkeiten auf, wie der Journalismus der Gesellschaft bei der Bewältigung ihrer komplexen Probleme helfen könnte. Ihre erste Forderung: „Viel, sehr viel erklären.“ Das Grundbedürfnis vieler Menschen sei, zu verstehen, was vor sich geht. Wenn Medien mehr einordnen und den Menschen auch Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen würden, könnten sie damit der sogenannten News Fatigue, also dem Phänomen, dass Menschen Nachrichten bewusst vermeiden, vorbeugen.

Dies gelte besonders für den Klimaschutz, sagte Borchardt. Für die Berichterstattung über diese Themen plädierte sie ebenso wie die Wissenschaftsjournalistin Susanne Götze und die NTV-Chefredakteurin Sonja Schwetje für ressortübergreifende Zusammenarbeit in den Redaktionen und eine Vielzahl an Genres. Nur so lasse sich die ganze Dimension der Klimakrise angemessen erfassen und darstellen.

Was aber kann der oder die Einzelne tun? Wie kann er oder sie sich erfolgreich durch die Flut von Nachrichten, Desinformation und Hasskommentaren in der durch die großen Plattformen kapitalisierten Öffentlichkeit navigieren? Nach Meinung des Journalisten Adrian Lobe hilft nur eins: zuhören und den Denkapparat einschalten, um den eigenen Kompass zu finden. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen und Denken.

Aus epd medien 24/22 vom 17. Juni 2022

Diemut Roether