Die Zumutung der Realität. Hans W. Geißendörfer zum 80. Geburtstag

Die "Lindenstraße" in der ARD ist Geschichte, aber die Figuren leben weiter - im Netz. Zum Beispiel im Fan-Blog "Lindenstraße 2.0". Dort wird der Alltag des kleinen Münchner TV-Kosmos' fortgeschrieben, buchstäblich. Jede Woche eine Folge, nicht als Video, sondern als Text. 51 neue Folgen sind es mittlerweile. Gleich in der ersten kehrt überraschend Beate Flöter zurück, die 2002 achtkantig aus der Frauen-WG mit Urszula und Tanja flog und seither nicht mehr gesehen ward. Helga Beimer und William Brooks werden ein Paar, und natürlich spielt auch Corona eine Rolle: Paul und Mika zum Beispiel mutieren zu Corona-Leugnern.

Womöglich ist Hans W. Geißendörfer, der am 6. April 80 Jahre alt wird, also einiges erspart geblieben. Andererseits wird man niemals erfahren, was aus seinem Fernseh-Lebenswerk in der Pandemie geworden wäre. Wie hätte sich all das, was den Alltag seit mehr als einem Jahr prägt, in der "Lindenstraße" gespiegelt? Ein gewaltiger Stoff - und eine gewaltige Herausforderung - für eine "Endlos-Serie", die dann doch nicht endlos war, weil die ARD den Vertrag im November 2018 nicht mehr verlängern wollte. In die im Dezember 2019 gedrehte und am 29. März 2020 ausgestrahlte letzte Folge wurde noch ein aktueller Satz hineingeschnitten: "Die Corona-Welle breitet sich in Bayern weiter aus", tönte es im Hintergrund aus dem Radio. Das war's. Trauriger Schlussakkord einer Fernseh-Pioniertat.

"Coronation Street", das britische Vorbild der "Lindenstraße", existiert übrigens bis heute und feierte im Dezember 2020 den 60. Geburtstag. Das triviale Vergnügen mit gesellschaftskritischem Anspruch verbinden - das war das Credo Geißendörfers, der sich selbst als "68er" bezeichnet. Links zu sein habe für ihn immer bedeutet: radikale Demokratie und Humanismus, erklärte er. Im April 1971 gehörte Geißendörfer zu den 13 Gründern des Filmverlags der Autoren. Im Kino liegen seine großen Erfolge ("Die gläserne Zelle", "Der Zauberberg") schon länger zurück. Das Fernsehen lockte ihn, weil er damit ein weitaus größeres Publikum erreichte. Bereits in den 1970er Jahren drehte er Serien wie "Lobster" und "Theodor Chindler" nach dem Roman von Bernard von Brentano.

Mit der "Lindenstraße" setzte Geißendörfer dann Mitte der 1980er Jahre inhaltlich und produktionstechnisch Maßstäbe: Es war die erste deutsche Serie, die fiktional in Echtzeit und nah am aktuellen Geschehen erzählte. Die Uhren in der Parallelwelt schlugen im Takt der Wirklichkeit.

Die "Lindenstraße" konnte aber auch ganz schön nerven, wenn Botschaften plump serviert wurden. Und neben den internationalen Serien mit hohen production values sah sie zunehmend alt aus. Bei Geißendörfer gab es eben keine Superhelden mit übermenschlichen Fähigkeiten, dafür die Zumutung der Realität. Also auch: Schwule, die sich küssten, als dies noch als Wagnis galt. Obdachlose, Menschen mit Behinderung, Geflüchtete. Vor 30 Jahren trat mit Ronald Mkwanazi auch der erste schwarze Darsteller vor die Kamera. Man kann sagen: Geißendörfer war seiner Zeit voraus.

Aus epd medien 12-13/21 vom 26. März 2021

Thomas Gehringer