Die Reporterfabrik. Journalismus von allen für alle

Frankfurt a.M. (epd)

Jeder kann ein Journalist sein - behauptet zumindest Cordt Schnibben, der bis 2017 unter anderem als Redakteur für die "Zeit" und als Reporter für den "Spiegel" gearbeitet hat. Schnibben ist so überzeugt von dieser These, dass er in Zusammenarbeit mit dem Recherchebüro Correctiv eine Art Journalistenschule für jedermann gründete: Die Reporterfabrik hat das Ziel, eine "redaktionelle Gesellschaft" zu gestalten. Eine Gesellschaft, in der Journalisten, Blogger und engagierte Bürger Hand in Hand arbeiten.

Viele Journalisten stehen den Vertretern der sogenannten fünften Gewalt, also der digitalen Öffentlichkeit, skeptisch gegenüber. Von Sorgfaltspflicht haben die noch nie gehört, heißt es dann. Ihre Quellen checken die bestimmt nicht. Und überhaupt: Was bilden die sich ein, unseren Job machen zu wollen? Schnibben und sein Team wollen das ändern: Sie vermitteln journalistisches Handwerk an interessierte Bürger, versuchen, die Arbeit der klassischen und sozialen Medien durchschaubar zu machen und sensibilisieren gleichzeitig für Desinformation.

Und tatsächlich ist die fünfte Gewalt bislang nicht besonders zuverlässig: Im Netz zählen aufmerksamkeitsheischende Überschriften oftmals mehr als die Wahrheit. User regen sich gerne auf, Urteile werden in Sekunden gefällt, Nachrichten und Gerüchte verbreiten sich in Windeseile. Debatten eskalieren, Neutralität bleibt auf der Strecke.

Wie schnell an den etablierten Medien vorbei ein Thema online hochkochen kann, wurde kürzlich am Video "Die Zerstörung der CDU" des Youtubers Rezo deutlich. Rezo, der eigentlich für Musikvideos bekannt ist, führt darin knapp eine Stunde lang auf, wo die CDU seiner Meinung nach versagt hat: Beim Klimaschutz, bei der Chancengleichheit, bei der Armutsbekämpfung. Die Kernaussage des Videos ist, dass die CDU durch ihre Politik schuld an der Zerstörung der Erde sei. Innerhalb von zwei Wochen wurde das Video rund 14 Millionen Mal aufgerufen, mehr als eine Million Menschen hinterließen ein Like.

Unterfüttert werden die Aussagen in dem Video mit allerhand Schaubildern und Videoclips, in der Beschreibung wird auf ein 13-seitiges Dokument mit rund 250 Quellen verlinkt. Rezo gibt an, er habe mit diversen Wissenschaftlern über den Klimawandel gesprochen. Er behauptet nicht, Journalist zu sein, aber er behauptet, sich ohne Wertung auf Fakten zu stützen - eine journalistische Grundlage.

Rezo zeigt sich in dem Video sehr meinungsfreudig. Wichtige Fakten, wie dass die CDU in den vergangen Jahren nicht allein regierte und große sozialpolitische Reformen in die Zeit der rot-grünen Regierung unter Schröder fielen, werden ausgelassen. Hätten Leute wie er mit einer großen Plattform aber eine journalistische Grundausbildung, könnten sie viele Menschen erreichen, die klassische Medien nicht mehr konsumieren. Und sie könnten den finanziell schwächelnden Redaktionen in Deutschland dabei helfen, ihrer Pflicht nachzukommen: Meinungspluralität zu garantieren und die Politik und Wirtschaft zu kontrollieren.

Auf diesen Ansatz stützt sich auch Schnibben mit seiner Reporterfabrik: Ausgebildet wird bei der Journalistenschule für alle auf drei Lehrstufen. Es gibt Workshops dazu, wie Journalisten recherchieren oder wie Fake News entdeckt werden können. Viele Seminare sind gratis, andere kosten zwischen fünf und 25 Euro. Dozenten sind Medienschaffende wie Günther Jauch, Giovanni di Lorenzo oder Maja Weber.

Neben Nicht-Journalisten will die Reporterfabrik auch Journalisten für eine redaktionelle Gesellschaft qualifizieren - was angesichts der manchmal reichlich unbedarften Berichterstattung über Rezos Video und andere Ereignisse aus der digitalen Welt dringend nötig scheint. Dazu ein Vorschlag für ein Webseminar: "Wie man ein virales Video dreht" - mit Rezo als Dozent.

Aus epd medien 23/19 vom 7. Juni 2019

Jana-Sophie Brüntjen