Die Neuerfindung des Fernsehens. Zum Tod von Herbert Feuerstein

"Bist Du ein Kontrolletti?" fragte Anke Engelke 2015 Herbert Feuerstein bei ihrem Besuch in seinem Haus in Erftstadt. "Absolut", antwortete der. Er habe sogar den Pilotenschein gemacht, um selbst Flugzeuge fliegen zu können. Kein Wunder also, dass Feuerstein auch seinen Nachruf selbst schrieb und ihn im Hörfunkstudio des WDR aufnahm. Man darf so etwas ja nicht der Nachwelt überlassen. Zwei Stunden dauerte die Sendung, denn Feuerstein, der am Mozarteum in Salzburg Musik studiert hatte, sprach nicht nur, er ließ auch Musik einspielen. Jetzt hat der WDR, der Feuerstein viel zu verdanken hat, diesen Nachruf tatsächlich am 7. Oktober um 20 Uhr bei WDR5 gesendet - einen Tag nach seinem Tod.

Der Redakteur Klaus Michael Heinz, der für den WDR auch Sendungen zum 70. und 75. Geburtstag des - ja, wie soll man ihn nennen: Kabarettisten? Komikers? Satirikers? - einzigartigen Feuerstein produzierte, hat ihn am 15. Januar 2015 gefilmt, als er im WDR seinen Nachruf aufnahm. Daraus entstand der Film "Herr Feuerstein schreibt seinen Nachruf - und lebt danach noch 2091 Tage", den das WDR Fernsehen ebenfalls am 7. Oktober sendete.

Seinen Ruf als Humorist begründete Feuerstein als Redakteur und Chefredakteur der deutschen Ausgabe von "Mad" in den 70er Jahren. Seine Fernsehkarriere begann spät, in den 80er Jahren beim WDR, doch dann hat er das Fernsehen der 90er Jahre geprägt. Er war 53, als er 1990 mit Harald Schmidt zusammen "Schmidteinander" erfand und damit die Anarchie ins Fernsehen brachte. Feuerstein und Schmidt blödelten und improvisierten, und gemeinsam zerlegten sie das Medium, seine Konventionen, Sendepläne und Genres und erfanden es so neu. Dank ihnen konnte sich der WDR mit dem Ruf schmücken, ein innovativer Sender zu sein.

Immer wieder machte Schmidt Witze auf Kosten von Feuerstein und korrigierte diesen, im Gegenzug versuchte Feuerstein in absurden Szenen immer wieder, Schmidt umzubringen. Als Schmidt endlich einmal im Grab liegt und Feuerstein beginnt, einen Nachruf auf ihn zu sprechen, sagt Schmidt aus dem Grab heraus: "Du, Feuerstein, Du musst das präziser machen..." Schmidt als Partner habe ihn davor bewahrt, im Fernsehen, "das mit seinem enormen Multiplikationsfaktor zum Größenwahn geradezu einlädt", sich selbst zu ernst zu nehmen, sagte Feuerstein in seinem Nachruf: "Du wirst deine Texte vergessen und auf allen Linien versagen, flüsterte er mir Sekunden vor dem Beginn jeder Live-Sendung vor dem schwarzen Vorhang zu."

Wie ernst die Kabbeleien zwischen Schmidt und Feuerstein, die zum Kultfaktor der Sendung viel beitrugen, tatsächlich zu nehmen waren, ist bei zwei Kunstfiguren wie diesen beiden schwer zu beurteilen. In Nachrufen war zu lesen, dass der eine stets schlecht über den abwesenden Anderen sprach.

In dem Film "Herr Feuerstein wird 70 und Herr Schmidt bejubelt ihn", den Klaus Michael Heinz 2007 für den WDR machte, sitzen Feuerstein und Schmidt bei einem "Versöhnungsessen" auf einem Rheinschiff, und Schmidt zählt die Verdienste Feuersteins auf: "Ohne Dich gäbe es keine Late Night in Deutschland." Feuerstein habe die Late Night aus den USA importiert, als sie hier noch keiner kannte. "Magst Du Dir das nicht für den Nachruf aufheben?" fragt Feuerstein. "Das ist der Nachruf, dann hat man's", entgegnet Schmidt und beschreibt, wie der TV-Beitrag aussehen wird: "Du weißt doch, im Regen in der Fußgängerzone: Was halten Sie von Feuerstein? Ich glaube, dass du mittlerweise 1'30 Nachruf kriegst."

In der "Aktuellen Stunde" bekam Feuerstein sogar 2'40 Nachruf. Und in der Tat wurden zwei Passanten in der Kölner Fußgängerzone zu ihm befragt. Wenn das ein Insiderjoke war, wird ihn kaum jemand verstanden haben, denn das WDR Fernsehen ist auch 13 Jahre später noch genau so bräsig, wie Schmidt es damals beschrieben hat.

Aus epd medien 42/20 vom 16. Oktober 2020

Diemut Roether