Die große Verharmlosung. US-Medien scheitern am Phänomen Trump

Es ist eine schwierige Zeit für Journalismus in den USA. Die Trump-Jahre und der Präsidentschaftswahlkampf haben vor Augen geführt, dass klassische faktenbezogene Berichterstattung nur begrenzt Wirkung hat, wenn der Meinungsmacher im Weißen Haus eigene Fakten mitbringt, ein guter Unterhalter ist und ihm nahestehende Medien mitmachen. Die Corona-Pandemie sei am Abklingen, sagte Donald Trump Ende Oktober, obwohl die Infektionszahlen einen neuen Rekord setzten. Nun ist der Wahlkampf vorbei. Erst einmal keine Umfragen mehr. Keine "Wahlstrategen" mit "gut informierten Quellen".

Mit Prognosen waren die meisten Publikationen supervorsichtig nach dem Trauma von 2016. Zeitungsredaktionen machten sich die Mühe, Leserinnen und Lesern Wahlempfehlungen zu geben. Herausforderer Joe Biden schnitt wesentlich besser ab. Dennoch wirft der journalistische Umgang mit dem Wahlkampf Fragen auf: Der amtierende Präsident lieferte Skandale und Ungeheuerlichkeiten, die normalerweise einem Politiker das Genick brechen. Er ließ Anhänger schreien, sein demokratischer Rivale gehöre eingesperrt. Er drängte Generalstaatsanwalt William Barr, Anklage gegen Biden zu erheben. Es gebe E-Mails auf einem kaputten Laptop, die auf politische und wirtschaftliche Korruption hindeuteten. Fox News überflutete Zuschauer mit diesen angeblichen Erkenntnissen.

Faktenchecker stellten fest, dass Trump lügt - und wiederholten dabei die Lügen. Es regt schon gar nicht mehr besonders auf, denn dieses Phänomen ist seit Jahren bekannt. Das ist der große Erfolg des Immobilienmaklers und Showmannes: Er hat es geschafft, dass sein Verhalten mittlerweile als normal gilt. Trump zog eine große Show ab, Journalisten und Wähler waren scheinbar hypnotisiert. Trotz Corona-Beschränkungen hielt Trump Massenveranstaltungen ab. Manche Reporter riskierten ihre Gesundheit. Kameras schauten gebannt auf Trumps Aufführungen, als beobachteten sie ein Autorennen, bei dem es gleich zu einer Kollision kommt. Trump lieferte: demokratische Politiker beleidigen, Fake News und die verlogene Presse anprangern. Zuckerguss war Trumps Covid-19-Erkrankung mit Extradrama. Viel spannender als der mit Gesichtsschutz mahnende Biden.

Über den Wahlkampf wurde weitgehend berichtet, als sei er ein normaler Wahlkampf. Wer liegt in welchem Bundesstaat vorne, wer hat mehr Spenden bekommen, wer schaltet TV-Werbung wo, wer hat die besseren Postings auf Facebook? Laut Umfragen werde es eng für den zurückliegenden Bewerber. Und so weiter. Als Trump am 22. Oktober in der zweiten TV-Debatte im Gegensatz zur ersten nicht ständig polterte und unterbrach, wurde das gelobt, weil er sich gesittet benommen habe. Die Moderatorin habe gute Arbeit geleistet, und dass man den Duellierenden zeitweilig das Mikro abstellte, sei eine gute Idee gewesen.

Die US-Medien kommen mit Trump nach all den Jahren noch immer nicht zurecht. Als kommerzielle Einrichtungen nehmen sie eine zutiefst bestätigende Haltung ein. Es kann nicht sein, dass im Musterland von Freiheit ein Kandidat die Demokratie bedroht. Trumps Benehmen muss irgendwie verharmlost werden. Fernsehsender und Webseiten scheffeln ja auch Werbeeinnahmen mit Trump als Hauptprogramm.

Man stelle sich die mediale Empörung vor, in irgendeinem Entwicklungsland oder in Osteuropa würde der amtierende Präsident beim Wahlkampf verkünden, sein Rivale gehöre eingesperrt. Oder er würde bewaffnete Gruppen auffordern, sie sollten sich bereithalten. In den USA wird einfach darüber berichtet, bevor man zur nächsten Ungeheuerlichkeit übergeht. Es ist unklar, ob und wie sich das ändern wird - egal, wer am Ende gewonnen hat.

Aus epd medien 44/20 vom 30. Oktober 2020

Konrad Ege