Deutschland im Stau. Das Ende der Verkehrsnachrichten im DLF

Am 31. Januar ging ein Stück Radiogeschichte zu Ende. Um 23.08 Uhr sagte der Sprecher, der soeben die Verkehrsnachrichten im Deutschlandfunk verlesen hatte: "Mit dem heutigen Tag beendet der Deutschlandfunk nach fast 56 Jahren die Ausstrahlung der bundesweiten Verkehrslage. Bitte denken Sie tags wie nachts an angemessene Geschwindigkeit und ausreichenden Abstand."

Die letzten Verkehrsmeldungen im Deutschlandfunk begannen mit einem Schwertransport auf der A2 zwischen Bad Eilsen und Kreuz Bad Oeynhausen, der natürlich nicht überholt werden konnte. Und die besondere Poesie dieser Namen, das Formelhafte der Meldungen, machte noch einmal schmerzlich bewusst, wie sehr man diese Verkehrsnachrichten vermissen würde. Die Ruhe und Würde, mit der die Sprecher des Deutschlandfunks die Verkehrsnachrichten verlasen, und vor allem das Fehlern jeglicher Musikuntermalung unterschieden diese Meldungen so wohltuend von denen anderer Sender. Von den nicht enden wollenden Meldungen am Morgen ging die beruhigende Gewissheit aus: Die Welt steht noch, und halb Deutschland steht mal wieder im Stau.

1964 war der Deutschlandfunk der erste deutsche Radiosender, der den sogenannten Verkehrswarnfunk einführte. Ab Anfang der 70er Jahre wurden die Verkehrsnachrichten mit dem berühmten Hinz-Triller eingeleitet, den der damalige technische Direktor des Deutschlandfunks, Werner Hinz, entwickelt hatte. Das akustische Signal brachte auch stummgeschaltete Sender zum Anspringen und unterbrach den Kassettenbetrieb, so dass die Fahrer aufmerksam wurden und den Stauwarnungen im Radio lauschen konnten. Inzwischen wurde der Hinz-Triller längst durch ein digitales Signal ersetzt, zur Kennzeichnung wird er jedoch von manchen Sendern immer noch benutzt.

Der Deutschlandfunk beging den radiohistorischen Abschied von den Staumeldungen würdig. Er wurde in den Nachrichten vermeldet, in den sozialen Netzwerken wurden kurze Filmchen verbreitet. Für alle Nostalgiker hatte Chefsprecher Gerd Daaßen noch einmal zahlreiche der vertrauten Namen von Anschlussstellen und Autobahnkreuzen von Ahlhorner Heide bis Zusmarshausen eingesprochen. Und jeder, der Sehnsucht nach diesem ganz besonderen Sound hat, kann sich in der Audiothek des Deutschlandfunks die O-Ton-Collage "Das war der Stau" anhören. Die 40 Minuten sind bestimmt auch eine hervorragende Einschlafhilfe.

Ein besonderes Schmuckstück ist die Collage "Die Gefahren eines Jahres", die der Deutschlandfunk am 1. Februar sendete. Die Gefahrenmeldungen aus einem Jahr Verkehrsnachrichten im Deutschlandfunk, die der Künstler Carsten Schneider 2010 zusammengetragen hat, sind in vielerlei Hinsicht verblüffend: Wie gefährlich kann das Autofahren sein, und was geht nicht alles auf Autobahnen verloren?! Abdeckplanen, Autotüren, Badewannen, Weihnachtsbäume. Gefahr geht häufig auch von Tieren aus: Entenfamilien, freilaufende Pferde, Wildschweine und Ziegen. Für viele Tiere endet der Ausflug auf die Autobahn freilich tödlich - und auch tote Tiere stellen eine Gefahr für Autofahrer dar, vor der dann wiederum gewarnt werden muss.

Und dann immer wieder diese "Personen auf der Fahrbahn". Sogar Fahrradfahrer behindern gelegentlich den Verkehr. Schneider hat das Wort Fahrradfahrer, gesprochen von verschiedenen Sprechern, mehrmals hintereinander montiert, und bei der schnellen Wiederholung sieht man sie beim Hören förmlich vor sich: die radfahrenden Fahrradfahrer.

Der Deutschlandfunk hat auch die Pressestimmen veröffentlicht, die die Einstellung der Verkehrsnachrichten kommentierten. Deutlich wird da: Die Verkehrsnachrichten im Deutschlandfunk waren Kult. Mehr noch, sie waren so etwas wie ein Kulturgut. Vielleicht hätte der Sender sich das mit der Einstellung doch noch einmal überlegen sollen.

Aus epd medien 6/20 vom 7. Februar 2020

Diemut Roether