Der unaussprechliche Vulkan. Die Arbeit der ARD-Aussprachedatenbank

Frankfurt a.M. (epd)

Im Juni steht die Fußball-Europameisterschaft an. Für Roland Heinemann und sein Team beginnt schon Wochen vorher die Hochsaison: Die Crew der ARD-Aussprachedatenbank checkt Namen, Orte und Einrichtungen, die bei den Spielen in die deutschen Medien wandern könnten und legt die passenden Dateien dazu an - mit einfacher Umschrift inklusive Betonungszeichen, kurzer Erklärung und Audiospur. Damit Nachrichtensprecher und Sportkommentatoren auch den in der 85. Minute eingewechselten Reservespieler kompetent präsentieren können.

Zum Event speisen Heinemann und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dann nicht nur die Spieler ein, sondern auch Schiedsrichter, Mannschaftsärzte, Ortschaften, Sehenswürdigkeiten oder beliebte Gerichte in den Gastländern. "Wir gucken ziemlich weit rechts und links der Fahrbahn", sagt Heinemann, Leiter und Gründer der mittlerweise fast 23 Jahre alten Datenbank. "Zur Fußball-WM in Brasilien haben wir etwa einiges an brasilianischen Spezialitäten aus den Kochtöpfen gefischt." Zum Beispiel die Batatas ao Murro, die "Faustschlag-Kartoffeln", die mit dem Hinweis "Ba'tahtass (ss = scharf) au 'murru" in der Liste gelandet sind. Oder der Bohneneintopf Feijoada, gesprochen "Fäischu'ahda".

Wenn es wie in diesem Jahr um europäischen Fußball geht, dürften die Hürden einigermaßen spielerisch zu bewältigen sein, vieles ist Fleißarbeit. Doch geht es um abgelegene Gegenden oder seltene Sprachen, sind die Herausforderungen für die beim Hessischen Rundfunk angesiedelten Rechercheure oft groß. "Es hat etwas Detektivisches", sagt Heinemann. Hilfe holt sich das Datenbankteam im Netz, aber auch bei "Einflüsterern" in aller Welt, beispielsweise an Unis und Botschaften. Ungefähr 1.500 Aussprache-Informanten sind es. Und nicht zuletzt sind die Korrespondenten der ARD eine wichtige Quelle.

Ist die Aussprache ermittelt, fehlt immer noch ein wesentlicher Schritt, bis die Namen ins heimische Wohnzimmer übermittelt werden können. Die Wörter müssen lautlich so aufbereitet werden, dass sie deutschen Sprechern ohne großes Stolpern oder Peinlichkeiten über die Lippen kommen. "Das Wort wird so original wie möglich ausgesprochen, aber so deutsch wie nötig", fasst Heinemann zusammen. Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull etwa, der vor zehn Jahren für Flugausfälle in Europa sorgte, wird von Einheimischen anders ausgesprochen, als er letztlich in der Datenbank auftaucht. Die schwierigsten Laute sind hier eingedeutscht, die Empfehlung lautet nun "'Äijjaffjaddlajjöhküddl".

Auch Tonhöhen, die in manchen Sprachen über die Bedeutung eines Wortes entscheiden, bleiben außen vor. "Das müssen wir in Kauf nehmen", räumt Heinemann ein. Ein Versuch, die Tonhöhen zu berücksichtigen, sei nach hinten losgegangen: "Das war die reine Lachnummer."

Pragmatik und Wiedererkennbarkeit sind denn auch Leitgedanken für die Macher der Datenbank. "Man muss es auch nicht übertreiben mit der Authentizität", sagt Heinemann. Richtig oder falsch gibt es für die Hüter von mittlerweile mehr als 400.000 Einträgen daher auch nicht. Nur empfehlenswert und weniger empfehlenswert. "Wir sind nicht die Sprachpolizei", betont Heinemann.

Wöchentlich kommen unterm Jahr rund 250 neue Einträge hinzu. Bei Großereignissen wie Olympia oder Fußball-Weltmeisterschaft sind es entsprechend mehr. Dass die Aussprachehilfen für alle zugänglich gemacht werden, wünscht sich Heinemann, der im Herbst in Rente geht, noch zur Krönung seiner Zeit als Leiter der Aussprachedatenbank. Damit alle mit den Mannschaftsärzten und den Leckereien aus Baku oder Sankt Petersburg punkten können.

Aus epd medien 10/20 vom 6. März 2020

Silvia Vogt