Der Matthäus-Effekt. Ein Kongress zum Erzählen von der Zukunft

epd Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Mit dieser Frage werden Bewerber gerne bei Vorstellungsgesprächen traktiert. Eine genaue Vorstellung von der eigenen Zukunft zu haben, gehört in unserem Berufsleben zu den Grundvoraussetzungen einer erfolgreichen Karriere. Dabei haben die vergangenen zwei Jahre der Pandemie gezeigt, wie schnell sich die Gegenwart und damit auch die Zukunft ändern kann. Die Unsicherheit, was demnächst möglich sein wird oder nicht, wurde für viele Menschen zur großen Belastung.

Welche Vorstellungen haben wir als Gesellschaft von unserer Zukunft? Der „Kölner Kongress“ des Deutschlandfunks beschäftigte sich in diesem Jahr vom 9. bis 12. März unter dem Titel „Erzähl mir etwas Neues!“ mit der Frage, wie die Medien von der Zukunft erzählen und wie die Zukunft des Erzählens aussehen könnte.

Der Kulturjournalist Dirk Peitz erzählte in seinem Eröffnungsvortrag davon, wie schnell sich unsere Vorstellungen von unserer persönlichen Zukunft ändern können: Wohl kaum jemand hätte noch an Weihnachten 2019 angenommen, dass es im folgenden Jahr schwierig bis unmöglich werden könnte, die Weihnachtstage bei den Eltern oder mit Freunden zu verbringen. Doch so belastend für viele die Unsicherheit war, wie es mit dem Coronavirus weitergeht, angesichts des Krieges in der Ukraine wirke „die Pandemie plötzlich wie ein übersichtliches Geschehen“, sagte Peitz.

Auch die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn strich heraus, dass das Bedrohliche an der Zukunft ihre Dunkelheit ist. Literarische Utopien hätten nie wirklich Zukunftsvisionen entworfen, sondern „Gegenwelten zur Gegenwart“. Zukunft sei aber nicht das, „was wir heute wissen oder wünschen, Zukünftigkeit ist gerade der Bruch mit der Gegenwart“. Horn brach eine Lanze für die Schwarzmalerei, die versuche, den Ungewissheiten der Zukunft, den „unknown unknowns“ auf die Spur zu kommen. Der Entwurf düsterer Szenarien helfe im besten Fall, deren Eintreffen mittels Prävention zu verhindern: „Auch der größte Pessimist freut sich, wenn es dann weniger schlimm kommt als erwartet.“

Die Medienwissenschaftlerin Ania Mauruschat erinnerte daran, wie Audiokünstler im Hörspiel schon früh Katastrophenszenarien entwarfen, um mittels dieser künstlerischen Forschung eingefahrene Wahrnehmungsmuster zu stören. Mit ihrer Klangkunst hätten die Künstler auch die „Eigengesetzlichkeit eines Mediums“ erforscht. Mauruschat zeichnete die Entwicklung vom Radio zum Podcast nach und stellte fest: „Podcasts sind ohne das Radio undenkbar.“

Der Journalist Dirk von Gehlen schließlich richtete seinen Blick darauf, wie heute in und mithilfe der sozialen Medien Geschichten erzählt werden und scheinbar an Bedeutung gewinnen. Das liege an den Algorithmen, die solche Posts und Clips als wichtig werten, auf die viele Menschen reagieren. Die Rechenanweisungen der meisten Plattformen, heißen sie nun Tiktok, Facebook oder Twitter, ließen sich auf die Formel bringen: „Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein.“ Von Gehlen spricht hier vom „Matthäus-Effekt“ der Netzwerke, die denjenigen, die viel Aufmerksamkeit haben, noch mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen - nach Matthäus 25,29: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Umso problematischer sei es, dass Menschen bevorzugt auf Meinungsäußerungen in den sozialen Medien reagieren, sagte von Gehlen. Durch ihre Reaktionen fachten sie die Glut der Debatte an und sorgten für noch mehr Beachtung. Auch Journalisten trügen durch ihre Berichterstattung in den Medien dazu bei, dass beispielsweise Hass-Kampagnen erfolgreich werden. Diesen Kreislauf gelte es zu durchbrechen. Wir dokumentieren die vier Vorträge des „Kölner Kongresses“ mit freundlicher Genehmigung des Deutschlandfunks, gekürzt um Begrüßungs- und Dankesformeln.

Aus epd medien 21/22 vom 27. Mai 2022

Diemut Roether