Der letzte Star. Rettet Tom Cruise das Kino vor dem Streaming?

epd Lange Schlangen, voll besetzte Kinos, Stars auf dem Roten Teppich und großes Menschengedränge drumherum: Abgesehen von ein paar Maskenträgern hier und da sah es dieses Jahr auf dem Filmfestival in Cannes wieder genau so aus wie noch 2019, in der Zeit vor der Pandemie. Und auch auf der Leinwand war Corona kein Thema mehr - die Aura einer trotzigen Verdrängungsleistung bestimmte diese 75. Ausgabe. Die Frage nach der Zukunft des Kinos schien mit einem entschiedenen „Erst mal wieder zurück in die Vergangenheit!“ beantwortet zu werden.

Dazu passt, dass ausgerechnet Tom Cruise gewissermaßen zum Bannerträger des Festivals 2022 wurde. Der 59-jährige US-Schauspieler war an die Croisette gekommen, um „Top Gun: Maverick“ vorzustellen, das Sequel zu seinem Erfolgsfilm „Top Gun“ aus dem Jahr 1986. In einer anderen Zeit wäre die Premiere des Fliegerspektakels eine Veranstaltung am Rand des Wettbewerbs von Arthouse-Filmen gewesen, um die es traditionell in Cannes geht. Aber in diesem Jahr wurde Cruise gefeiert, als wäre er der letzte wahre Kinostar, die leibhaftige Inkarnation von allem, was das Kino ausmacht.

Und der Star selbst nahm die Rolle pflichtschuldigst an. Ob er in den letzten zwei Jahren je mit dem Gedanken gespielt habe, den Film, der mit Beginn der Pandemie schon abgedreht war, auf einem Streamingportal herauszubringen? „Völlig ausgeschlossen!“, antwortete er knapp und entschieden bei einer „Masterclass“. Es war genau das, was man in Cannes hören wollte. Streaming ist hier nach wie vor verpönt, und in fast jeder Rede auf dem Festival wurde der Geist des „cinéma“ beschworen, mit Cannes als dessen zentraler Kultstätte.

Die Zahlen übrigens geben Tom Cruise recht: „Top Gun: Maverick“ sammelt seit seinem Kinostart weltweit Zuschauer ein, wie man es außerhalb der Superheldenfilme seit Pandemiebeginn nicht mehr erlebt hat. Er setzt damit ein deutliches Zeichen der Hoffnung für eine entmutigte Branche, die fürchtet, mit der Pandemie große Teile des Publikums für immer verloren zu haben. Das Branchenblatt „Screen International“ hatte zum Auftakt des Festivals von Cannes noch von einer wahrlich erschreckenden Umfrage unter französischen Filmzuschauern berichtet. Nicht nur, dass fast die Hälfte angab, weniger oft ins Kino zu gehen - fast 40 Prozent davon nannten als Grund, sie hätten es sich „abgewöhnt“!

Aber vielleicht sind Gewohnheiten ja wieder umkehrbar. Dafür braucht es Filme, die den Besuchern wieder Lust machen, ins Kino zu gehen. In diesem Sinn hat die Jury unter dem Vorsitz von Vincent Lindon mit der Verleihung der Goldenen Palme an „Triangle of Sadness“ es vielleicht doch richtig gemacht. In einem insgesamt eher enttäuschenden Programm nämlich war Ruben Östlunds ätzende Satire auf Luxus und Ungleichheit zwar nicht der subtilste, aber doch eindeutig der amüsanteste Film.

In der zentralen Sequenz von „Triangle of Sadness“ lässt Östlund eine Luxus-Yacht in einen Sturm geraten. Das Schiff schwankt so sehr, dass den dort versammelten Reichen und Schönen ihre eben noch geschlürften Austern wieder hochkommen. Gleichzeitig laufen die Toiletten über, so dass die illustren Gäste - unter großem Publikumsgelächter! - bald in ihrer eigenen Kotze und Scheiße hin und her rollen. Es gibt keinen besseren Gleichmacher als die Seekrankheit. Als das Schiff schließlich kentert, ereignet sich unter den Gestrandeten die übliche Revolution. „Ich bin jetzt der Kapitän“, bemerkt trocken die philippinische Reinigungskraft, die als einzige weiß, wie man Fische fängt. Das alles erzählt Östlund mit einer solchen Lust an Deftigkeit und so viel trockenem Witz, dass einzelne Szenen und Zitate noch tagelang Gespräch waren an der Croisette. Wenn etwas das Kino retten kann, dann wohl diese Art der Mundpropaganda.

Aus epd medien 22/22 vom 3. Juni 2022

Barbara Schweizerhof