Der Klang der Moderne. Das Hans-Rosbaud-Studio in Baden-Baden

Wer das Hans-Rosbaud-Studio auf dem Fremersberg in Baden-Baden zum ersten Mal erblickt, würde wohl kaum vermuten, dass hier im vergangenen Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben wurde. Der schmucklose, sehr spartanisch wirkende Bau - bei seiner Einweihung am 26. November 1950 noch "Musikstudio" genannt -, war in der Nachkriegszeit das erste Gebäude, das der 1946 gegründete Südwestfunk auf der sogenannten Funkhöhe bauen ließ. Bis dahin war das Programm des SWF in Sälen von Hotels und Kasinos der Kurstadt entstanden - in den Annalen des Südwestfunks ist vom "Hotelprovisorium" die Rede.

Im März 1950 hatte der Rundfunkrat des SWF den Bau des Musikstudios genehmigt, nach nur einem halben Jahr Bauzeit konnte es bereits im November vor 70 Jahren in Betrieb genommen werden. Die Baukosten beliefen sich auf 500.000 Mark. Der große rechteckige Saal bot Platz für das Orchester und 360 Besucher.

Zur Einweihung wurde Musik von Mozart, Wagner und Brahms gespielt, doch das Musikstudio wurde bald zu einem Mekka der Musik des 20. Jahrhunderts. Dirigent Hans Rosbaud, der das Sinfonieorchester des Südwestfunks von 1948 bis 1962 leitete, formte es zu einem weltweit berühmten Klangkörper für moderne Musik. Rosbaud und Heinrich Strobel, der Leiter der Musikabteilung des SWF, holten die berühmtesten Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts nach Baden-Baden: Drei Mal kam Igor Strawinsky in das Musikstudio, um hier das Orchester bei der Aufführung seiner eigenen Werke zu dirigieren.

Paul Hindemith schrieb ins Gästebuch des Hans-Rosbaud-Studios, er fühle sich hier "schon fast einheimisch", auch Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono waren häufige Gäste. Dietrich Fischer-Dieskau und Jessye Norman sangen hier, im Gästebuch des Musikstudios hat sich das Who is who der E-Musikszene der 50er, 60er und 70er Jahre verewigt. Doch im Hans-Rosbaud-Studio wurde nicht nur klassische Musik gespielt, auch Unterhaltungsmusik wurde hier aufgenommen. Und der legendäre SWF-Jazzredakteur Joachim-Ernst Berendt nutzte das Studio seit den 50er Jahren für seine Sendereihe "Jazztime Baden-Baden".

Als Rosbaud 1962 starb, wurde das Musikstudio nach ihm benannt. Mit zahlreichen Einbauten, die meist der Verbesserung der Akustik dienten, versuchte der SWF, das Studio an die sich verändernden Anforderungen großer Sinfonieorchester anzupassen. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Der Dirigent Michael Gielen, der das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg von 1986 bis 1999 leitete, schrieb 1991 an die Intendanz: "Jedes Mal, wenn das Orchester von einer Reise zurückkommt, ist das Rosbaud-Studio ein Schock." Er sei "frustriert von den akustischen Verhältnissen". Das große Sinfonieorchester verabschiedete sich aus dem zu klein gewordenen Studio, aber als Aufnahmestudio für Kammermusik und kleinere Ensembles wurde und wird es weiterhin genutzt - auch in der Corona-Pandemie.

Aus dem Südwestfunk wurde inzwischen durch die Fusion mit dem Süddeutschen Rundfunk der Südwestrundfunk. Derzeit baut der SWR ein neues Medienzentrum in Baden-Baden auf der Funkhöhe. Die in den 50er Jahren in Pavillonstruktur erbauten alten Gebäude werden abgerissen, ein Teil des Geländes wird verkauft. Das Hans-Rosbaud-Studio steht trotz seiner musikhistorischen Bedeutung nicht unter Denkmalschutz. Die Bausubstanz des in der Nachkriegszeit so schnell errichteten Gebäudes ist nicht gut, die Decke nicht schalldicht, eine Sanierung wäre viel zu teuer. Konzerte dürfen hier aus brandschutztechnischen Gründen schon seit Jahren nicht mehr stattfinden. Wenn im Jahr 2024 die Bagger das Hans-Rosbaud-Studio abreißen, wird zumindest der Klang dieses Studios bleiben, der in Tausenden Tondokumenten verewigt ist.

Aus epd medien 49/20 vom 4. Dezember 2020

Diemut Roether