Der große Außenseiter. Der Hörspielautor Ror Wolf ist tot

Bei ihm kam alles zusammen. Oder geriet die Welt durcheinander, auf eine wunderbar vielgestaltige, überraschende Weise? Lyrik und Prosa, Hörspiele und Bildcollagen, Abenteuergeschichten und Szenen aus dem Leben eines Jazzmusikers, Fußball und Philosophie: Ror Wolf war ein Tausendsassa, doch ganz gleich, welches Genre oder welche Form er wählte, seine Stimme war unverwechselbar.

Es ist vollkommen zutreffend, Wolf als den großen Außenseiter der deutschsprachigen Literatur zu bezeichnen. Aber das ist nur die eine Seite des Schriftstellers. Darüber hinaus gibt es auch den Ror Wolf, der zu regelrechter Berühmtheit gelangte, und diese Popularität verdankte er ausgerechnet einem Genre, das zwar auch heute noch stärker rezipiert wird als die meisten Theaterstücke, im kulturellen Bewusstsein aber oft unterm Radar fliegt: dem Hörspiel, dieser einzigartigen Kunstform des Radios.

Zum Beispiel "Córdoba Juni 13 Uhr 45", ein Hörspiel über den Sieg der Österreicher über Deutschland - vorgeblich. In Wahrheit ist es ein Stück über zwei Weisen, Fußball zu kommentieren: "Die Schmach von Córdoba." Der deutsche Reporter widmet sich in seiner Kabine dem Geschehen auf dem Rasen buchstäblich von oben herab, kühl, die Niederlage gönnerhaft-hochmütig herunterspielend, während sein Kollege aus Österreich das Spiel rhetorisch mitgewinnt. Ein und dieselbe Partie - zwei Realitäten.

Auch in seinen Fußballbüchern "Punkt ist Punkt" und "Die heiße Luft der Spiele" spürt Wolf der Frage nach, warum die Welt so verwirrend vielstimmig spricht, wo der Ball doch so trügerisch rund und vollkommen ist. "Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt", hat der Autor erkannt. Wolf, der sich eine Zeit lang als Hilfsarbeiter durchschlug, hatte in dieser Zeit seine Liebe zum Fußball entdeckt. Später studierte er in Frankfurt am Main bei Adorno und Horkheimer und arbeitete anschließend als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk.

"Die Hitze war tagsüber stark gewesen, und es war jetzt wie soll ich sagen, kälter? Ja kälter geworden", so lautet einer dieser unübertroffenen Ror-Wolf-Sätze, die aus einem scheinbar banalen Vorgang eine Sache sprachspielerischen Nachdenkens machen und dabei umwerfend komisch sind.

Sein wohl erfolgreichstes Hörspiel war die 1988 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Radioballade "Leben und Sterben des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika": Während der wortkarge Musiker wie ein Phantom durch die Jazzgeschichte geistert, hasten gleich mehrere Chronisten der flüchtigen Ruhelosigkeit seiner Erscheinung hinterher und korrigieren ihre Versionen der Geschichte gegenseitig. Sie sind auf dem Mississippi unterwegs: Der mysteriöse Dr. Q und jener Raoul Tranchirer, hinter dem sich der Autor selbst verbirgt - sie irren durch eine Welt, die surrealistische Blüten treibt wie in einem Gemälde von Max Ernst und in der sich Horrorelemente mit Stilmitteln des Comic und der filmischen Montage mischen. Auch das Hörspiel "Der Chinese am Fenster" ist so ein Hybrid, in dem eine detektivische Verfolgungsjagd zu einem psychedelischen Horrortrip ausartet.

Wie ein Kommentar zu seiner Literatur lassen sich die Bildcollagen betrachten, mit denen Wolf seine Texte begleitet. Da schwebt über einer Edgar-Allan-Poe-Schreckensküste ein praller Apfel als Nachtgestirn, auf dem eine Dame einem Oldtimer entsteigt. In seinen Collagen erschafft Wolf eine Realität mit gänzlich neuen Proportionen, eine Fantasielandschaft, deren Modernität in den Zeiten eines Jules Verne steckengeblieben ist und die dennoch radikal futuristisch wirkt. Eben ganz so, als sei sie einem Roman oder einem Hörspiel von Ror Wolf entsprungen. Im Alter von 87 Jahren ist der Autor in dieser Woche nach langer Krankheit gestorben.

Aus epd medien 8/20 vom 21. Februar 2020

Frank Olbert