Der Geist von HBO. Wenn Audioformate boomen

Audioformate boomen. Auch der Medienkonzern ProSiebenSat.1 hat das jetzt entdeckt. Mit viel Werbetamtam hat das Unternehmen im April die Audio-Plattform Fyeo ("For your ears only") gestartet und mit bombastischen Formulierungen neue Produktionen angekündigt. Von "einzigartigen Audio-Blockbuster-Formaten" war da die Rede, von der "Wiedergeburt des Hörspiels im Geiste einer HBO-Serie" und natürlich durfte auch die Floskel vom "Kino für die Ohren" nicht fehlen.

"Ruhig, Brauner", würde man ProSiebenSat.1 da gern zurufen. Denn mit dem Vokabular zeigt der Konzern, der gerade neu ins Audiogeschäft einsteigt, doch nur, wie wenig Ahnung er davon hat. Schließlich gibt es in Deutschland nicht nur seit einigen Jahren eine quicklebendige Podcast-Szene - im August 2019 waren bei Spotify 12.000 deutsche Podcasts gelistet - sowie eine kleine, feine freie Hörspielszene, von deren Lebendigkeit man sich jüngst beim Berliner Hörspielfestival im Netz überzeugen konnte. Vor allem jedoch gibt es seit mehr als 70 Jahren eine deutsche Hörspieltradition bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die es wert wäre, ebenso wie die französische Küche als "immaterielles Weltkulturerbe" in die Liste der Unesco aufgenommen zu werden und von der die Hörverlage seit gut zwei Jahrzehnten profitieren.

Auch Schauspielerin Heike Makatsch verrät unfreiwillig, wie wenig sie vom Hörspiel versteht, wenn sie sich von Fyeo mit den Worten zitieren lässt: "Dass es jetzt eine schauspielerisch ambitionierte Form des Hörspiels gibt, hat mich sehr interessiert." Offenbar ist es ihr entgangen, dass schauspielerische Schwergewichte wie Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Sophie Rois oder Manfred Zapatka seit Jahrzehnten an nicht nur "schauspielerisch ambitionierten" Hörspielen mitwirken.

Wer wissen will, was hier Hörenswertes produziert wird, kann sich in den Audiotheken der Sender durch die Hörspiele hören. Eine gute Empfehlung sind auch die Hörspiele des Monats, die von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgewählt werden. Und schließlich sind da noch die Produktionen, die mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet werden, einem der ältesten Kulturpreise des Landes. Die drei Hörspiele, die in diesem Jahr für den Preis nominiert sind, kann man zurzeit noch auf der Website der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen nachhören. Die Auszeichnung wird am 24. Juni verliehen. Nein, das Hörspiel muss nicht wiedergeboren werden, schon gar nicht "im Geiste einer HBO-Serie".

Auch dem anderen großen deutschen Privatsenderkonzern, der Mediengruppe RTL Deutschland, sind die großsprecherischen Ankündigungen von ProSiebenSat.1 sauer aufgestoßen. RTL Deutschland beeilte sich im April zu betonen, dass ihre im März 2019 gestartete Audio-Plattform Audio Now als "Local Hero" bereits sechs Millionen Unique User pro Monat verzeichnet. Hinter Audio Now steht die Audio Alliance des Bertelsmann-Konzerns, in der nicht nur die Mediengruppe RTL mit ihren Fernseh- und Radiosendern, sondern auch der Verlag Gruner + Jahr und vor allem die Verlagsgruppe Random House mit ihren Hörbuchlabels zusammenarbeiten. Hier ist also deutlich mehr Audiokompetenz versammelt als bei Fyeo. Dennoch griff auch Mirijam Trunk, die Geschäftsführerin von Audio Alliance tief in die Floskelkiste und kündigte "neue fiktionale Blockbuster" und noch mehr "Kino für die Ohren" an.

Früher hätte man da wohl von einen "Krieg im Äther" gesprochen, heute findet auch diese Auseinandersetzung im Internet statt. Schön, dass das Hören eine Renaissance erlebt. Noch schöner wäre es, wenn es wirklich um eine Kultur des Zuhörens ginge und nicht nur um die Marktschreierei der Lautsprecher.

Aus epd medien 25/20 vom 19. Juni 2020

Diemut Roether