Das Schloss steht. Doch die Debatten gehen weiter

Ganz besenrein ist die Großfläche um das Schloss noch nicht, wie die ständige Webcam zeigt. Kleingerüste, Baumaschinen, Materialhaufen. Es ist noch viel zu tun. Peinlich? Ach, die erste Öffnung ist ja digital, ein virtueller Augenrundgang, 3-D-Wirklichkeiten. Richtige Reden, kein richtiges Publikum.

Sie atmet Irreales, diese erste Inbesitznahme des Humboldt-Forums. Weitere Etappen folgen. Manche werden sich an die Augentäuschung erinnern, die Anfang der 90er Jahre als großer Coup wahrgenommen wurde: Planen mit aufgemalten Schlossfassaden simulierten in Originalgröße das, was einst Ulbricht hatte sprengen lassen, um steinernes Monarchietum auszuradieren. Honecker, so wird kolportiert, hätte den Schlossglanz zum Repräsentieren gerne wiedergehabt. Allein, es entstand ein anderer Palast an dieser Stelle, jener der Republik. In dessen Fassade sich das Stoff-Schloss so schön spiegelte, dass auf einmal viele Berliner den Traum älterer Herren wie Wolf Jobst Siedler vom Wiederaufbau mitträumten; befeuert von Wilhelm von Boddien, einem Kaufmann, der am Ende tatsächlich über 100 Millionen Euro für die Barockfassaden einsammelte.

Damals setzte eine Fundamentaldebatte ein. Mit vehementem Pro (Wiedergewinn der historischen Mitte) und noch lauterem Contra (Restauration, Sieger- und Herrschaftsgeste). Kulturredakteur Jens Bisky schrieb 2015 in der "Süddeutschen" zum Richtfest: "Der Streit wird andauern." Er behielt recht, auch wenn vollendete Tatsachen manches dämpfen.

Aber jetzt, zur Teileröffnung, wurde noch mal groß aufgefahren, überall. So auch bei Arte ("Berlin baut ein Schloss") und bei 3sat ("Countdown Humboldt Forum"). Dort wurde das Herunterzählen wieder weitgehend zur Abrechnung. Weniger im Sinne der alten Baufronten (das auch), sondern wegen eines kämpferischen Streits, den Aktivisten ("no-humboldt21") schon früh anschoben. Und den die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy (sie kam natürlich auch hier zu Wort) 2017 mit größtem Medienecho auflodern ließ. Indem sie das große Erzählziel der Weltoffenheit des Forums einfach umdrehte: Das Schloss werde zum Sarg für die dort auszustellenden Kunstschätze der Welt, vor allem der exotischen. Es verkörpere mithin eine gebaute Verlängerung des Kolonialismus und ein lügnerisches Schaufenster von Raubkunst.

Eine These, die zur Generallinie des 3sat-Beitrags wurde (dem schon eine kritische Bestandsaufnahme vorausgegangen war: "Bedrohte Schätze im Depot"). Natürlich, auch Forumsintendant Dorgerloh und der Über-Chef der Preußen-Kulturstiftung, Hermann Parzinger, durften ihre Positionen erläutern. Aber das wirkte mehr pflichtschuldig. Tiefere Einblicke ins moderne Innere der Rekonstruktion, architektonische Anschauung, städtebauliche Einordnung? - Fehlanzeige.

Ganz anders der Arte-Zugang: Hier wurden viele Facetten der Schlossgeschichte aufgefächert, der Berlin-Kenner und -Biograf Jens Bisky fungierte als verständlich formulierender Cicerone, um die Hauptlinien (auch mit konzentrierten Dokumenten) auszulegen und einzuordnen. Geradezu liebevoll die Kamerabegleitung der Handwerker mit ihrem Können und ihrer Begeisterung, vor allem der Bildhauer - die es laut der stets Contra gebenden "Berliner Zeitung" gar nicht hätte geben können, so wenig wie willige Spender.

Diese Rundum-Ablehnung, das lässt sich an der gut dokumentierten Mega-Schlossdebatte ablesen, dominierte die Feuilletons. "Tagesspiegel"-Redakteur Rüdiger Schaper jetzt: "Ist man erst mal im Schloss drin, verblassen die Debatten." Allerdings, an diesem Drin haperte es gerade im Fernsehen gewaltig - feste ideologische Grundierungen haben bessere Konjunktur. Immerhin, beim Haussender RBB fand der Schloss-Neugierige Trost, auch unter dem Stichwort Architektur/Städtebau. "Aspekte", "Kulturzeit"? Bitte nicht fragen ...

Aus epd medien 51-52/20 vom 18. Dezember 2020

Uwe Kammann