Das Jahr mit Drosten. "Coronavirus Update" und der Journalismus

Genau ein Jahr ist es jetzt her, dass der NDR den Podcast "Coronavirus Update" startete. Am 26. Februar 2020 kündigte die NDR-Redakteurin Korinna Hennig an, dass sie von nun an täglich mit dem Forscher sprechen wolle, "der gemeinsam mit seinem Team das Erbgut des Virus entschlüsselt und veröffentlicht hat": Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité. "Natürlich haben wir eine Pandemie", sagte der Virologe damals in der ersten Ausgabe des Podcasts. Zu der Zeit ging in Köln und anderen Fastnachtshochburgen gerade der Straßenkarneval zu Ende. Zwei Wochen später beschlossen die Ministerpräsidenten zusammen mit der Bundeskanzlerin, die Schulen und Kindertagesstätten zu schließen.

In einem Rückblick des Podcasts auf das vergangene Pandemie-Jahr sagte Drosten jetzt, dass er zu dem Zeitpunkt, als der Podcast startete, bereits "in einem Strudel" gewesen sei: Die Politikberatung habe schon deutlich früher begonnen, ständig habe er sich mit Kollegen abgestimmt, was man wie sagen solle. Er habe damals so viele Anfragen von Medien gehabt, dass er sich auch aus zeitökonomischen Gründen entschlossen habe, bei dem NDR-Podcast mitzumachen: Er hätte unmöglich jedem Sender, der angefragt habe, ein Interview geben können, doch das Podcast-Format sei gut, "weil man sich differenziert äußern kann".

Mit seinen vorsichtigen, abwägenden Formulierungen setzte Drosten den Ton und wurde zum Star. Mit Einschüben wie "wir glauben, Stand jetzt" machte er von Anfang an deutlich, dass auch die Forscher das neue Virus erst kennenlernen mussten und dass seine Einschätzungen auf vorläufigen Erkenntnissen basierten. In der ersten Ausgabe des Podcasts setzte er an einer Stelle hinzu: "Es kann sein, dass wir in zwei Wochen anders darüber sprechen." Auch für die Behörden sei es schwierig, offizielle Warnungen herauszugeben, "weil sich die Situation von Tag zu Tag ändert". Und er machte deutlich: "Niemand ist an irgendetwas schuld angesichts einer Pandemie. Das ist eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe stattfindet, und wir können alle nur versuchen, unseren Beitrag zu leisten."

Rasch wurde auch Korinna Hennig klar, dass das ursprünglich geplante tägliche Zehn-Minuten-Format nicht sinnvoll ist: "Ich war schnell überzeugt, es muss lang sein." Auch das tägliche "Update" ließ sich nicht lange durchhalten, zum einen, weil Drosten ein vielbeschäftigter Virologe ist, zum anderen merkte der Wissenschaftler bald, dass "die ständige Präsenz in den Medien nicht einfach ist". Er habe die Prominenz nicht angestrebt, es sei ihm nicht angenehm, auf der Straße erkannt zu werden, sagte er im Rückblick auf das Jahr. Er finde es "befremdlich, wie man zu einer Figur gemacht wird". Im Sommer machte der Virologe eine längere Pause, seither sprechen Hennig oder eine Kollegin im Wechsel mit ihm oder mit der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek.

Nach einem Jahr, in dem der Podcast "Coronavirus Update" nicht nur zum meist abgerufenen Angebot in der ARD-Audiothek wurde, sondern auch mit dem Grimme Online Award und dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde, sieht Hennig, dass das Bedürfnis nach Information immer noch sehr groß ist: "Die Fragen fangen erst an." Gelernt hat sie aus der Erfahrung mit dem Podcast, dass Journalisten "nicht immer die Schwarz-Weiß-Antworten suchen" sollten. Die Reaktionen der Hörerinnen und Hörer hätten gezeigt, "dass sie offene Fragen aushalten, dass sie also nicht nur viel klüger sind, sondern auch bereit sind, komplexer zu denken, als wir Journalisten oft annehmen". Hoffentlich setzt sich diese Erkenntnis im NDR durch, auch wenn es um künftige Reformen der Radiowellen geht.

Aus epd medien 9/21 vom 5. März 2021

Diemut Roether