Das Glück des Anfangs. Die Super-8-Jahre der Annie Ernaux

epd Viele, die in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts groß geworden sind, kennen sie noch: Die grisseligen Super-8-Filme, auf denen meist die Väter das Familienleben festhielten. Heute, in Zeiten der allgegenwärtigen Handyvideos, fällt es schwer, das zu glauben: Tatsächlich waren die Filme, die gerne abends im Familienkreis vorgeführt wurden, mit Projektor und Leinwand, etwas ganz Besonderes, obwohl die Menschen sich auf den Bildern immer etwas ruckelig bewegten und obwohl die Bilder ohne Ton waren.

Auch die französische Autorin Annie Ernaux und ihr Mann Philippe kauften sich Anfang der 70er Jahre eine Super-8-Kamera und filmten damit ihr Haus in Annecy, die Blüten am Baum davor und vor allem ihre Kinder und sich. Die Kamera sei damals für sie beide „das Objekt der Begierde schlechthin“ gewesen, erinnert sich Annie Ernaux in der Dokumentation „Les annés Super 8“, die ihr Sohn David aus den Filmen jener Jahre gemacht hat und die zurzeit in der Arte-Mediathek zu sehen ist. Die Filme boten ihnen die Möglichkeit, „das wahre Leben und die Welt einzufangen“.

Interessant ist der Blick, mit dem die Literaturnobelpreisträgerin, die ihr eigenes Schreiben einmal als „Ethnologie ihrer selbst“ beschrieben hat, die Bilder Jahrzehnte später betrachtet. Sie stellt fest, dass ganz selbstverständlich ihr Mann die Kamera in die Hand genommen hatte und dass sie diese Rollenverteilung akzeptierte. So wie sie auch akzeptierte, dass sie mit dem Umzug nach Annecy, wo ihr Mann stellvertretender Bürgermeister geworden war, nicht nur Lehrerin, sondern auch die Gattin an seiner Seite geworden war. Doch an ihren freien Nachmittagen habe sie „heimlich“ an ihrem ersten Roman geschrieben, erinnert sie sich.

Die Bilder zeigen zunächst typische Familienszenen: Die junge Mutter kommt mit den beiden kleinen Söhnen nach Hause, zieht den Mantel aus, die Kinder strahlen in die Kamera. Durch die Anwesenheit der Kamera wurden solche alltäglichen Begebenheiten zum Auftritt, sie wurden von allen Beteiligten inszeniert. Später gibt es Bilder von Familienausflügen mit den Großeltern und natürlich Bilder der Kinder mit Geschenken vor dem Weihnachtsbaum, die Jungs mit Cowboyhüten. „Es war eine besonders glückliche Zeit“, erinnert sich Annie Ernaux und etwas von diesem Glück und dem Zauber des Anfangs strahlen die Bilder auch aus.

Bald kommen die ersten Reisen, Philippe und Annie Ernaux fliegen 1972 als Leser des „Nouvel Observateur“ nach Chile, wo Salvador Allende 1970 die Wahl gewonnen hat und versucht, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren. Sie besuchen verstaatlichte Fabriken und einmal sehen sie sogar Allende aus seinem Büro kommen.

Die Familie zieht nach Cergy-Pontoise, in eine Planstadt in der Nähe von Paris. Zu sehen ist das Haus, die Felder vor der Stadt, die Möbel in der neuen Wohnung. Die Autorin liest aus den Bildern den Status der Beziehung heraus. Sie stellt fest, dass es Ende der 70er Jahre kaum noch Bilder vom Inneren des Hauses gibt, in dem sie leben - „die Familienbande waren im Begriff sich aufzulösen“. Auf den Bildern aus dem Familienurlaub in Portugal 1981 sind schließlich kaum noch Körper und Gesichter zu sehen - für die Autorin ein deutliches Zeichen dafür, „dass es mit uns als Paar auseinanderging“. Wenig später trennten sich Annie und Philippe Ernaux, er behielt die Kamera, überließ ihr jedoch die Filme und den Projektor - und machte sie damit zur „Hüterin der gemeinsamen Erinnerungen“.

Am Ende erinnert Annie Ernaux, wie das war, wenn die Filme im Familienkreis gezeigt wurden: das Aufbauen der Leinwand, die Unruhe, bis jeder seinen Platz gefunden hatte, das Löschen der Lichter und dann das Surren des Projektors. Wer sie erlebt hat, die Super-8-Jahre, wird das nie vergessen.

Aus epd medien 41/22 vom 14. Oktober 2022

Diemut Roether