Dann doch lieber lassen. Ist "Pro und Contra" noch zeitgemäß?

Wieder einmal hat ein Kommentar zur Flüchtlingspolitik eine heftige, vor allem in den sozialen Netzwerken geführte Debatte ausgelöst. Diesmal war es die Deutschlandradio-Korrespondentin Silke Hasselmann, die in einem Kommentar zur Situation auf Lesbos, nachdem dort das Flüchtlingslager Moria abgebrannt war, die Meinung vertrat, es dürften jetzt keine Flüchtlinge von dort nach Deutschland geholt werden. Denn: "Brandstifter gehören nicht auch noch belohnt, wie verzweifelt sie auch immer gewesen sein mögen." Deutschlandfunk Kultur veröffentlichte den Kommentar unter der Rubrik "Pro und Contra Flüchtlingsaufnahme" unter dem einer Kollegin, die für eine "europäische Lösung" plädierte.

Die Heftigkeit der Reaktionen in den sozialen Netzwerken erinnerte an die Debatte, die ein "Pro und Contra" zu einem ganz ähnlichen Thema in der "Zeit" vor zwei Jahren ausgelöst hatte. "Oder soll man es lassen?" hieß da die Frage, unter der zwei Redakteurinnen über das Pro und Contra der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer diskutierten. Der Zynismus, der in dieser Frage steckte, löste zu Recht Empörung aus - und die Redaktion gestand später auch ein, dass die Überschrift nicht glücklich gewählt war.

Genau das ist aber das Problem an Pro-und-Contra-Formaten. Es sind Gedankenspielereien, Übungen aus dem Rhetorikseminar, wo man sich mit den Argumenten der Gegenseite vertraut macht, um sie besser entkräften zu können. Solche Gedankenspiele sind legitim, wenn es um Dinge geht wie Fassadenbegrünung oder die Gestaltung eines Spielplatzes. Aber schon bei der Frage "Pro und Contra Fahrradwege" wird es schwierig, weil es hier um Menschenleben geht.

Und kann man über die Frage, ob man Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern hausen lässt, ernsthaft in einem "Pro und Contra" diskutieren? Es stehe der Verdacht im Raum, dass einige Flüchtlinge das Lager selbst angezündet hätten, kommentierte Hasselmann. Und "brandstiftende Erpresser gehören nicht auch noch belohnt". Diesen Verdacht kann derzeit kein Mensch seriös ausräumen: Sind dann tatsächlich alle Flüchtlinge Erpresser und sollen alle dafür bestraft werden?

Pro-und-Contra-Formate sollen polarisieren. Sie verhindern Differenzierung, denn die Autoren müssen sich ja entscheiden, ob sie dafür sind oder dagegen. Dabei zeigt doch die journalistische Erfahrung, dass die meisten Dinge nicht so schwarz-weiß sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Je mehr eine Journalistin recherchiert, desto mehr Nuancen fördert sie in der Regel zutage. Umso erstaunlicher, dass die Chefredakteurin des Deutschlandfunks, Birgit Wentzien, im hauseigenen Podcast "Der Tag", in dem eine Moderatorin sie 15 Minuten lang zu dem Kommentar befragte, geradezu begeistert forderte, es müsse mehr solcher Kommentare geben. Über die Frage, ob mit solchen Kommentaren unter dem Vorwand der Neutralität der Diskurs ins Menschenverachtende verschoben wird, wie der Historiker Jürgen Zimmerer im Deutschlandfunk Kultur sagte, wurde in der Viertelstunde nicht gesprochen.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat die Sehnsucht des deutschen Journalismus nach eindeutigen Meinungen in ihrer inzwischen leider abgeschafften "Pro- und Contra"-Kolumne im Feuilleton eine Zeit lang sehr verspielt ad absurdum geführt: Zwei Redakteure der Zeitung schrieben dort jeden Sonntag über kuriose Fragen wie "Ist der Roman noch zeitgemäß?" oder "Soll Wolfsburg eine größere Rolle spielen?" Und wenn dann in der Pro-Kolumne die Frage gestellt wurde: "Was ist das für eine Stadt, die vom Bahnhof aus aussieht wie das Teletubbyland mit eingebauter Teststrecke für Geländewagen?" war klar, dass es die Gegenseite schwer haben würde, da noch Contra zu geben.

Aus epd medien 38/20 vom 18. September 2020

Diemut Roether