Bühne frei. Mediatheken-Schauspiel für die Medienpolitik

epd Bereits seit Jahren weben ARD und ZDF fleißig an der Vernetzung ihrer Mediatheken zu einem „öffentlich-rechtlichen Kosmos“. Bei einem Pressetermin kündigten sie nun ein „Streaming-Netzwerk“ an, dessen Bedeutung die Anstalten visuell mit der Präsentation eines eigenen Logos unterstrichen, das den Schriftzug mit zwei überkreuzten Pfeilen in den Senderfarben Orange und Blau kombiniert. Und auch personell war das digitale Gespräch am 21. Juni höchstrangig besetzt: Neben dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow standen ZDF-Intendant Thomas Bellut sowie SWR-Intendant Kai Gniffke Rede und Antwort. Die operativen Köpfe hinter dem Projekt, Benjamin Fischer, Leiter ARD Online, und Eckart Gaddum, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien im ZDF, spielten hier eine Nebenrolle.

Verkündet wurde bei diesem aufwendig durchkomponierten Termin kaum Neues. Von einer „gemeinsamen Erlebniswelt für die Nutzerinnen und Nutzer“ war die Rede, deren Vernetzung schrittweise in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll - eine Entwicklung, die beide Häuser, wie schon erwähnt, bereits lange gemeinsam vorantreiben.

Lediglich zwei Aspekte ließen sich als Innovationen identifizieren. Erstens: Über ein einziges Nutzerkonto können künftig sowohl ARD- als auch ZDF-Inhalte abgerufen werden. Ein gemeinsames Personalisierungs- und Empfehlungssystem soll den Nutzerinnen und Nutzern dabei Inhalte aus beiden Mediatheken passend zu ihren Interessen anbieten. Zweitens ist eine übergreifende Suchfunktion über beide Angebote geplant, mit der sich sämtliche Inhalte besser verlinken lassen. Die empfohlenen Inhalte werden weiterhin in der Ursprungsmediathek gehostet und in der jeweils anderen Mediathek dann wechselseitig „embedded“ abgespielt.

Tatsächlich laufen sich ARD und ZDF allerdings auch für diese beiden Schritte schon länger warm. So gibt es bereits seit November 2019 eine vernetzte Suchfunktion, die allerdings nicht die gesamten Inhaltekataloge umfasst, sondern lediglich eine redaktionelle Auswahl der meistgesuchten Begriffe ist. Im Frühjahr 2020 ging zudem eine gemeinsame „Log-in“-Funktion an den Start. Damit können sich Nutzer, die bereits in der ARD-Mediathek registriert sind, mit ihren Anmeldedaten im „Mein ZDF“-Bereich der ZDF-Mediathek anmelden und umgekehrt.

Die Resonanz auf das großangelegte Pressegespräch darf auf misslungenes Erwartungsmanagement zurückgeführt werden. Mancher verstand nicht, warum auf dem Termin eine Zusammenlegung der Mediatheken weiterhin kategorisch ausgeschlossen wurde. Aus Nutzerperspektive spräche tatsächlich nichts dagegen, aber vieles dafür. Wozu noch zwei Plattformen, wenn ohnehin alle Inhalte auf beiden zu finden sind, noch dazu nur ein „Log-in“ nötig ist?

Gewiss, im „öffentlich-rechtlichen Kosmos“ gibt es viel zu bedenken, und nicht selten verschwinden kluge Gedanken im großen schwarzen Loch hauspolitischer Erwägungen. Und so ist es naheliegend, dass ARD und ZDF sich mit ihrem Termin gar nicht in erster Linie an die allgemeine Öffentlichkeit richten wollten. Die pompöse Präsentationsveranstaltung lässt sich auch als Bühnenstück für die Medienpolitik lesen, in der Tradition eines potemkinschen Dorfes. Ein aktuell kursierender Entwurf des Medienstaatsvertrags, der zum 1. Januar 2023 umgesetzt werden soll, fordert die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dazu auf, eine gemeinsame Plattformstrategie für ihre Telemedienangebote zu entwickeln. Die Mediatheken sollen dazu neu konzipiert werden. Vor diesem Hintergrund wird aus der kommunikativen Flaute ein kluger Schachzug: Schaut her, liebe Medienpolitik, wir machen unsere Hausaufgaben - auch ohne enge Vorgaben im Medienstaatsvertrag. Merkt euch das!

Aus epd medien 26/21 vom 2. Juli 2021

Ellen Nebel