Born to be Event. Der Mythos Woodstock 50 Jahre danach

Es war einmal ein Festival, ein großes, sehr großes Festival, Hunderttausende überwiegend weißer und junger US-AmerikanerInnen, die sich auf einer sanft geschwungenen Kuhweide im Staat New York versammelten und sich auf drei Tage Frieden und Musik freuten, ganz so wie es die Ankündigung versprochen hatte: Woodstock. Erst schien die Sonne, dann regnete es, Nahrung und Medikamente wurden knapp, und zu guter Letzt zersägte Jimi Hendrix mit der Macht seiner Stratocaster und der elektrischen Schwingungen die amerikanische Nationalhymne, dass es eine kakophonische Wucht war. Am Schluss sah die Weide aus wie ein Schlachtfeld aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.

50 Jahre ist das nun her, und dass aus diesen drei Tagen auf der Wiese des Milchfarmers Max Yasgur bei White Lake, nahe der Gemeinde Bethel, etwa 100 Kilometer südwestlich der Künstlerkolonie Woodstock viel mehr wurde als nur eines der größten Musikfestivals aller Zeiten, das hat nicht nur damit zu tun, dass die Veranstalter für das Festival eine Reihe der angesagtesten Bands der Zeit engagiert hatten. Entscheidend war, dass sie Woodstock als ein kommerzielles Event konzipiert hatten und von vornherein die ausgiebige mediale Nachverwertung in Form von Tonaufnahmen und einer audiovisuellen Dokumentation mit eingeplant hatten.

Eine aus 100 Personen bestehende Filmcrew sollte unter der Anleitung des Dokumentarfilmers und Kameramanns Michael Wadleigh eine Dokumentation erstellen, die einerseits die Kraft der musikalischen Darbietungen einfangen und andererseits die bunten Reize der neuen Welt der Jugend in Szene setzen sollte. Hunderte Stunden Filmmaterial wurden belichtet, das Geschehen auf, hinter, vor der Bühne und im restlichen Gelände eingefangen und auftragsgemäß zusammengeschnitten: Dokumentarismus als sanfte Propaganda der Hippie-Kultur.

So lagen wenige Monate nach dem Festival, mit der Premiere des Woodstock-Films am 26. März 1970, bereits die Bilder in einem Format vor, in dem sie sich in der Erinnerung festsetzen konnten, in der kollektiven Erinnerung, nicht nur derjenigen, die das Festival tatsächlich erlebt hatten.

Zum Jubiläum sitzen wir auf dem Sofa und lassen durch das Fenster Fernsehen die Erinnerung auferstehen: Arte sendete am 16. August die um 40 Minuten erweiterte Fassung des schon in der Urfassung drei Stunden langen Films, die Wadleigh zum Festivaljubiläum nach 25 Jahren aus dem eigenartig vertrauten Material neu zusammengeschnitten hat. Und auch jetzt, da der Neuigkeitswert der ziellos mäandernden Gitarrensoli von Canned Heat oder Mountain sehr nachgelassen hat, verlieren wir uns noch immer - fast wie damals - in den imposanten Bildern, in der eigenartig zärtlich wirkenden Freundlichkeit zwischen den vielen, vielen Menschen, in der wahrscheinlich drogeninduzierten Zugewandtheit und Solidarität der Menschen in einer gemeinsamen, existenziellen Grenzerfahrung.

Woodstock war ein Desaster, das ist bekannt. Statt der ursprünglich erwarteten 80.000 Besucher waren geschätzt 400.000 gekommen, es mangelte an Trinkwasser und Nahrung, an sanitären Anlagen, an Schutz vor den Zudringlichkeiten der Natur und des Wetters. Nicht einmal die Eintrittskarten ließen sich kontrollieren oder Geld einsammeln. Aber wo es keine Obrigkeit gibt und die Security-Kräfte nicht mit aufgepumpten Muskeln und finsteren Drohgebärden agieren, sondern mit verschmitzt bekiffter Lässigkeit ihre Hilfe anbieten, wächst die Freiheit auch. Freiheit beispielsweise zu unverkrampfter Nacktheit im Puritanerland, Freiheit sich zu finden und einander nahezukommen. Freiheit eines Lebens jenseits der Konventionen des bürgerlichen Alltags. So zumindest will es der Mythos, den die mediale Aufbereitung des Festivals gestiftet hat. Sehen konnten wir nur, was der Film uns gezeigt hat.

Aus epd medien 34/19 vom 23. August 2019

Stefan Hentz