Belmondo, Aretha und unendliche Weiten. Das Webmagazin "Blow up"

epd Die Sommerpause des Arte-Webmagazins „Blow up“ wurde aus einleuchtendem Grund verkürzt. Der Tod von Jean-Paul Belmondo am 6. September konnte nicht unberücksichtigt bleiben, der Sender reagierte zunächst mit einer sehr knappen „Hommage an Jean-Paul Belmondo“, die Luc Lagier aus einer früheren Würdigung des Schauspielers zusammengestellt hatte. Diese frühere Folge wurde dann in voller Länge unter dem Titel „Worum ging's bei Jean-Paul Belmondo?“ aus dem Archiv wieder ins Programm genommen. Sie vermittelt sehr anschaulich, was die Kino-Ikone Belmondo ausmachte. Die Filmausschnitte sind eindringlich, die unvermeidlichen Zitate von „Außer Atem“ und „Pierrot le Fou“ erhalten das gebührende Gewicht. Und dann findet sich da noch der improvisierte Flamenco aus „Ein Affe im Winter“ sowie ein schöner Zusammenschnitt von Stunts aus Philippe de Brocas klassischer Actionkomödie „Abenteuer in Rio“, die Lagier als den eigentlichen Beginn des Mythos „Bébel“ ansieht.

Die neue Saison des Filmmagazins „Blow up - Das aktuelle Filmgeschehen“, das im Juli sein zehnjähriges Bestehen feierte, wurde anschließend im Netz mit drei neuen Beiträgen eröffnet und mit der etwas unbescheidenen Ankündigung: „Blow up startet die neue Saison und greift nach den Sternen.“ Doch „Blow up“, diese Schatzkammer der Cinephilie, darf ruhig auch mal etwas großspuriger für sich werben.

Aus Anlass des Kinostarts des Biopics „Respect“ widmet sich Luc Lagier 20 Minuten lang Aretha Franklin im Film. Ihr bekannter Auftritt in „The Blues Brothers“ wird hier nur kurz behandelt, hauptsächlich geht es um die vielfältige Verwendung von Aretha-Songs in den verschiedensten Filmen. Wahrscheinlich nimmt dabei „Respect“ die Spitzenstellung ein, weil es ein fantastischer Song ist, der sich auch als feministische Hymne eignet. „Blow up“ findet äußerst einfallsreich Beispiele an entlegenen Stellen. Auf „Respect“ stößt man in „Mystic Pizza“ und „Airplane!“, andere Songs hört man unvermutet in „The Handmaid's Tale“ oder bei einem schrägen Tanz von John Travolta in „Michael“. Am Schluss ist Aretha Franklin selbst zu sehen, in Sydney Pollacks Dokumentarfilm „Amazing Grace“.

Neu auch: Colin Firth aus der Sicht von Laetitia Masson. Nicht überraschend ist der Schauspieler für sie der Inbegriff des Gentlemans, sie widmet ihm eine schöne Huldigung, die auch eher untypische Rollen (wie etwa in „Wahre Lügen“) nicht unterschlägt. Ihr kluger Text in Form eines Briefes kreist um die Frage: „Was macht einen Gentleman aus?“ Für wesentlich hält sie Stil und Mut, auch den Mut, sich seinen Schwächen zu stellen. Sie spürt den Facetten des Gentlemans hauptsächlich in den abgründigen Rollen nach, die einen großen Anteil im Werk von Colin Firth haben. Ihr Fazit: Vielleicht macht es einen Gentleman aus, dass er seine Würde bewahrt, wenn er ganz unten ist. Wenn dann zu sehen ist, wie Colin Firth in „A Single Man“ tragikomische Versuche unternimmt, sich selbst umzubringen, ist das ein bewegender Beleg.

Highlight der neuen Beiträge von „Blow up“ ist für mich aber Luc Lagiers „Recut - Weltraumreisen“. Eine brillante Montage, die ohne Kommentar auskommt. In klug ausgewählten Ausschnitten aus wenigen Filmen führt sie vom nahen Blick auf den wirbelnden Kaffee in einer Tasse in die Weite des Raums, erinnert an den technischen Aufwand, der für die Raumfahrt betrieben wird, lässt sich davon aber nicht sonderlich beeindrucken, sondern interessiert sich schnell wieder für die Menschen, die die Raumfahrt und die Schwerelosigkeit erleben. Am Schluss steht nochmals ein Blick auf die Kaffeetasse. Diese nur zwölf Minuten lange Montage ist unbedingt sehenswert - eine der besten, die man bei „Blow up“ sehen kann.

Aus epd medien 40/21 vom 8. Oktober 2021

Karlheinz Oplustil