Begegnungen im öffentlichen Raum. Das LPR-Forum Medienzukunft

Wie wichtig der öffentliche Raum in Städten als Ort der physischen Begegnung ist, ist vermutlich vielen von uns in den ersten Wochen der Corona-Krise schmerzlich bewusstgeworden. Dort kann man sich unverbindlich treffen, man entscheidet selbst, wie viel man von sich preisgibt, und solange man nicht in einen Laden oder ein Café geht, ist man auch nicht gezwungen, etwas zu konsumieren. Wie eine vorausschauende Städteplanung und Architektur solche Räume der Begegnung schaffen kann, führte der niederländische Kultur- und Medienwissenschaftler Martijn de Waal am 12. März beim LPR-Forum Medienzukunft in Frankfurt am Main aus.

Vom städtischen öffentlichen Raum schlug de Waal den Bogen zu den Plattformen, die sich als soziale Netzwerke im Internet etabliert haben und dort einen öffentlichen Raum schaffen. Plattformen wie Facebook, erläuterte er, funktionieren wie Shoppingmalls nach kommerziellen Gesichtspunkten. Sie sind auf Profit ausgerichtet. Professionelle journalistische Standards sind für Facebook unwichtig. Der Internetkonzern nimmt aber mit seinen eigenen Werten und Normen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation und damit wiederum auf die Öffentlichkeit.

Das LPR-Forum Medienzukunft ging in diesem Jahr der Frage nach, wie gesellschaftsverträglich die Plattformökonomie ist, mit der Facebook und andere Konzerne unsere Öffentlichkeit überformen. Da sind nicht nur Datenskandale und Hassreden, von denen der Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen), Joachim Becker, sprach, da ist auch der Algorithmus, der uns, wie der Journalist Adrian Lobe sagte, von einem Extrem zum nächsten führt: Wenn ich bei Youtube Videos über Vegetarier anschaue, wird die Plattform mir als Nächstes Videos über Veganer vorschlagen.

Und schließlich ist da die Frage, wie lassen sich diese Plattformen so regulieren, dass sie nicht die Polarisierung fördern, sondern der Gesellschaft und der öffentlichen Debatte zuträglich sind? Der Dortmunder Medienrechtler Tobias Gostomzyk warnte vor einer Regulierung, die der Komplexität der Netzwerke nicht Rechnung trägt. Der Medienstaatsvertrag, auf den sich die Ministerpräsidenten verständigt haben, versuche zwar, Plattformen zu regulieren, aber die Vorgabe, dass einzelne Medieninhalte nicht diskriminiert werden dürften, sei ein "frommer Wunsch", sagte er.

Die Wirtschaftsinformatikerin Sandra Spiekermann empfahl, nachhaltige gesellschaftliche Faktoren bei der Entwicklung neuer digitaler Produkte stärker zu berücksichtigen. Und die hessische Digitalministerin Kristina Sinemus erinnerte an das Nachhaltigkeitsdreieck von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft, das auch für die Digitalisierung zentrale Bedeutung habe.

Der Technische Direktor des Kultursenders Arte, Kemal Görgülü, engagiert sich in der Beyond Platforms Initiative dafür, der herrschenden Plattformökonomie andere Werte gegenüberzustellen und dafür zu sorgen, dass Qualitätsinhalte stärker nach vorne gebracht werden. Dafür müssten Kooperationen zwischen unterschiedlichen Anbietern, auch zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten, erleichtert werden, forderte er.

Auch die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig ist zuversichtlich, dass sich die Technologie regulieren lässt. Wir könnten nicht darauf vertrauen, dass Facebook und Google ihre Kriterien danach ausrichten, was sinnvoll für die Gesellschaft ist, mahnte sie. Entweder müssten die Nutzer anfangen, ihre eigenen, erfolgreichen Plattformen zu bauen, oder sie müssten die großen Plattformen zwingen, sich zu ändern.

Das LPR-Forum Medienzukunft "Digitale Nachhaltigkeit - Über Gesellschaftsverträglichkeit und Plattformökonomie" wurde von Ingrid Scheithauer organisiert und moderiert. Wir dokumentieren die Vorträge und die Diskussion in Kooperation mit der LPR Hessen.

Aus epd medien 21/20 vom 22. Mai 2020

Diemut Roether