Aus Frauensicht. Eine Agentur in Mexiko kämpft gegen Sexismus

epd Berichte aus feministischer Perspektive? Für eine Nachrichtenagentur ist das eher ungewöhnlich, doch das mexikanische Projekt Cimac bietet genau das an: Berichte über Gewalt gegen Frauen und über den Aktivismus dagegen. „Heute wird feministischer Journalismus nicht mehr stigmatisiert“, sagt Lucía Lagunes. Doch als sie und ihre Mitstreiterinnen das Büro für Comunicación e Información de la Mujer (CIMAC) in Mexiko-Stadt gründeten, habe es nicht mal einen Begriff gegeben für das, was sie machen wollten, erinnert sich die Leiterin der Agentur. Heute ist Cimac aus der Medienlandschaft des Landes nicht mehr wegzudenken: 300 Redaktionen veröffentlichen die Meldungen der Agentur, mehr als 140.000 Leserinnen und Leser besuchen monatlich die Website, ein großes Netzwerk von Medienschaffenden und Nichtregierungsorganisationen arbeitet mit den Informationen.

Es hat sich viel getan, seit einige Journalistinnen 1988 die Agentur gründeten. Mittlerweile erstellen 18 Beschäftigte in einem Gebäude im quirligen Zentrum von Mexiko-Stadt Nachrichten aus weiblicher Perspektive. Dabei werden Frauen nie nur als Opfer gesehen, betont Lagunes: „Wir nutzen Journalismus als Werkzeug, um die Unterdrückung von Frauen, aber auch die Kämpfe zur Überwindung dieser Verhältnisse sichtbar zu machen.“

In Mexiko vergeht kein Tag ohne Meldungen über geschlechtsspezifische Gewalt. Elf Frauen werden durchschnittlich pro Tag ermordet, mindestens ein Viertel von ihnen aufgrund ihres Geschlechts - Tendenz steigend. Doch während nicht wenige Medien diese Verbrechen nutzen, um mit brutalen Fotos Aufmerksamkeit zu erregen, beschäftigt sich Cimac mit den Hintergründen: mit familiärer Gewalt, machistischer Diskriminierung und den patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen.

Allzu oft werden Frauenmorde in Mexiko als Unfall oder Suizid dargestellt, meist bleiben die Täter straflos. Etwa im Fall von Natalie Díaz Morales, die Behörden zufolge jüngst durch einen Autounfall ums Leben gekommen sein soll. Cimac hingegen lässt den Vater des Opfers zu Wort kommen, der das Gegenteil belegt, und spricht von einem „versteckten Femizid“.

Cimac veranstaltet auch Workshops, um über Frauenrechte sowie Genderperspektiven zu informieren, und beteiligt sich an politischen Kampagnen, etwa für Pressefreiheit oder das Recht auf Abtreibung. „Wir sind ein Mittler zwischen Zivilgesellschaft und Medien“, erklärt Lagunes.

Häufig haben die Frauen auch ihre Kolleginnen im Blick. In Kursen geht es um Themen wie „Gewaltfreiheit in den Medien“, ein aktuelles Dossier beschäftigt sich mit der wachsenden Zahl von Journalistinnen, die wegen Drohungen Mexiko verlassen müssen. Obwohl die Cimac-Initiatorinnen nicht für den Schutz von Journalistinnen angetreten sind, widmen sie sich angesichts der vielen Angriffe immer häufiger diesem Thema. Den Seminaren liegen oft eigene Medienanalysen zugrunde, in denen die Agentur zu beunruhigenden Ergebnissen kommt. So wurden nur 14 Prozent aller untersuchten Meldungen über Angriffe auf Frauen von Frauen verfasst. In 83 Prozent aller Texte habe es keine eigene Recherche gegeben, heißt es in einem Cimac-Bericht über den „Umgang mit machistischer Gewalt in den Medien“. Im Grunde werde Journalismus aus weiblicher Sicht weiter nicht besonders wichtig genommen, kritisiert Lagunes. „Es geht nur darum, eine Quote zu erfüllen.“

Dabei ist keine Bewegung in Mexiko so präsent wie die feministische. Immer wieder gehen Zehntausende gegen Femizide auf die Straße. In mehreren Bundesstaaten konnten Aktivistinnen die Entkriminalisierung von Abtreibungen durchsetzen. Auf Hilfe durch den linken Präsidenten Andrés Manuel López Obrador können sie dabei nicht hoffen. Der Politiker verteidigt ein Familienbild, das Frauen den Platz am Herd zuweist.

Aus epd medien 46/22 vom 18. November 2022

Wolf-Dieter Vogel