Antworten auf Augenhöhe. Hasnain Kazims Dialoge mit Deutschen

Hasnain Kazim war 17 Jahre alt, als er die ersten Hassbotschaften erhielt. Die Botschaften kamen damals, Anfang der 90er, noch per Post, in Briefumschlägen. "Halt die Fresse, Kanake", schrieben die anonymen Verfasser. Sie reagierten auf einen Artikel, den der Sohn pakistanischer Einwanderer in einer überregionalen Tageszeitung geschrieben hatte und in dem er einen Bundestagsabgeordneten kritisierte, der vor einer "Überfremdung Deutschlands" gewarnt hatte.

Heute ist Kazim 44, "Spiegel"-Redakteur und erhält täglich Drohbriefe und Hassmails, weil er es als Deutscher mit pakistanischem Namen wagt, über deutsche und internationale Politik zu schreiben. Doch Kazim hat den Dialog mit den "besorgten Bürgern" gesucht und ihnen "auf Augenhöhe" geantwortet. Der Journalist hat eine erfrischend humorvolle und produktive Form gefunden, mit dem Hass umzugehen, der ihm täglich entgegenschlägt. Einige der Mailwechsel, die er mit seinen Hatern führte, hat er in seinem Buch "Post von Karlheinz" veröffentlicht. Ein Versuch, schreibt er im Nachwort, "aus Scheiße Gold zu machen". Das ist ihm gelungen. Sein Buch wurde zum Bestseller und ist nun auch als Hörbuch erschienen. Gelesen werden die Texte unter anderem von Bjarne Mädel und Bernhard Schütz.

Manchmal korrigiert Kazim Rechtschreibung und Grammatik der Schreiber, manchmal jedoch gelingen ihm hinreißend paradoxe Interventionen. Einem Heinz K., der ihm schrieb, "Islam ist eine frauenverachtende Ideologie", schickte er Textstellen aus dem Koran zur Kenntnis, in denen zur Unterdrückung der Frau aufgerufen wird, zum Beispiel diese: "Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein." Herr K. bedankte sich überschwänglich. Erst zehn Tage später klärte Kazim ihn darüber auf, dass es sich bei den vermeintlichen Koranstellen in Wirklichkeit um Bibelstellen handelte.

Nicht alle Mails, die Kazim erhält, sind beleidigend. Manche Männer und Frauen fragen auch aus echtem Interesse nach seiner Meinung zu bestimmten Themen. Und gelegentlich gelingt es ihm sogar, mit den Absendern in einen echten Dialog zu kommen. Einige haben sich anschließend sogar bei ihm entschuldigt.

Doch Kommunikation ist anstrengend, schreibt der Journalist, sie koste "viel Zeit, Kraft und Nerven". Manchmal fühle sie sich an "wie ein Kampf gegen Windmühlen". Die Briefe, die der 17-jährige Schüler bekam, hätten ihn eingeschüchtert, berichtet Kazim im Vorwort des Buches. Doch er hat sich von dem Hass, der ihm entgegenschlug, nicht abbringen lassen, Journalist zu werden und seine Meinung öffentlich kundzutun.

Gut ist, dass er daran erinnert, dass der Hass, der heute allen, die irgendwie "anders" sind, in den sozialen Medien entgegenschlägt, keineswegs neu ist. Es gab ihn schon immer, er wurde auch geäußert, allerdings war das früher mühsamer: Man musste einen Brief schreiben, ohne Internet eine Adresse herausfinden, den Brief in einen Umschlag stecken und dann auch noch eine Briefmarke draufkleben. Das Porto kostete damals, Anfang der 90er, ungefähr eine Mark.

Heute, da die Kommunikation im Netz es so leichtmache, der Wut freien Lauf zu lassen, sei der Ton in der Auseinandersetzung härter geworden, hat Kazim beobachtet: "Menschenfeindliche Kommentare werden nicht etwa verurteilt, sondern immer häufiger als mutiger Tabubruch inszeniert. Immer offener und stolzer bekennt man sich zu Dingen, die früher unsagbar waren." Umso höher ist es ihm anzurechnen, dass er sich auch von Morddrohungen nicht einschüchtern lässt, dass er sich einmischt und widerspricht. Denn er hält es mit Antoine de Saint-Exupéry: "Vergiss nicht, dass dein Wort eine Tat ist."

Aus epd medien 12/19 vom 22. März 2019

Diemut Roether