Angriff der Riot Girls. Der neue Netflixhit "Arcane"

epd Kritiker im Streamingstress: Schon wieder bricht Netflix einen Rekord! Anfang November, nach knapp zwei Monaten Medientumult, war die südkoreanische Horrorserie „Squid Game“ entthront - von der Verfilmung eines Computerspiels, ausgerechnet. Schon mit der Ausstrahlung der ersten drei Folgen schob sich die animierte Fantasygeschichte „Arcane“ aus dem Hause Riot Games in fast 40 Ländern auf Platz eins der Zuschauercharts; auf der Website „Rotten Tomatoes“ und in der Nutzerwertung der Internet Movie Database (IMDB) gab es Topwertungen. Die Serie, jetzt mit neun Episoden komplett, läuft außerdem bei Twitch und hat im netflixfreien China über den Internetmulti Tencent, dem Riot Games gehört, 130 Millionen Zuschauer erreicht.

Wie konnte das passieren? Ganz überraschend ist es nicht. Anders als „Squid Game“ mit seinem Originaldrehbuch hat „Arcane“ eine über mehr als zehn Jahre gewachsene, gigantische Fangemeinde. Aktuell greifen auf das teambasierte Free-to-Play-Online-Game „League of Legends“ (LOL) und seine Ableger monatlich mehr als 100 Millionen Spieler zu. LOL gehört auch zu den Toptiteln der E-Sport-Szene, die Liveevents sind ein Rummel. Mit den Kombinationsmöglichkeiten, die weit über 100 steuerbare Figuren - „Champions“ - bieten, ist LOL schneller und komplexer als Blitzschach auf Weltniveau.

Computerspielverfilmungen haben keinen guten Ruf, und dass aus den Battles miniaturisierter Hexen, Dämonen, Androiden und Knuffeltiere, die auf einer imaginären Landkarte um leuchtende Objekte wuseln, eine Serie werden könnte, lag nicht auf der Hand. Tatsächlich arbeitet Riot Games aber schon lange an Hintergrundgeschichten, die den Champions Kontur und Charakter geben. Und man muss kein Fan sein, um bei „Arcane“ einzusteigen: Es handelt sich um ein der Spielhandlung vorgelagertes Szenario, das die Figuren geschickt einführt und eine hinreißend detailreiche Welt aufbaut.

Hier herrscht Klassenkampf - zwischen einer in luftiger Höhe angesiedelten, technisch avancierten Adelsgesellschaft und den Bewohnern eines drogenüberfluteten Untergrunds. Wer immer noch glaubt, die Gamingszene werde von Jungs beherrscht, die Zombies wegballern oder Lara Croft auf den Po starren wollen, muss jetzt wirklich umdenken. Das emotionale Kraftfeld von „Arcane“ wird von Frauen erzeugt: zwei liebenden, früh verwaisten Schwestern, die im Ghetto der „Lanes“ von einem Kneipier großgezogen wurden und im Verlauf der Geschichte in tragische Konfrontation geraten.

Die taffe Vi und die von Selbstzweifeln geplagte jüngere Powder, später Jinx, sind beliebte „League of Legends“-Champions - Uneingeweihte dürften ihre Freude haben an Vis kinetischer Energie, der kreativen Psychose von Jinx. Und wenn sich zwischen Vi und einer zugeknöpften Soldatin aus der Oberstadt eine Beziehung entwickelt - „you‘re hot, cupcake“ -, kriegt „Arcane“ hin, womit sich Hollywoods Superheldenfilme immer noch schwertun: eine Queerness, eine Diversität, die zwanglos wirkt - weil Leute nun einfach mal so sind.

Die Optik ist atemberaubend: eine Mischung aus aufwendiger Handzeichnung und Computergrafik, zugleich vital und verspielt, glamourös und unperfekt, manchmal hingepinselt wie impressionistische Gemälde. Entstanden ist dieser Look in dem französischen Studio Fortiche, das bereits die Musikvideos von Riot Games animiert hat. An „Arcane“ wurde, auch mit dramaturgischer Unterstützung von Netflix, lange liebevoll gebastelt, das sieht man. Und es ist, wie der brutale Cliffhanger annonciert, nur der Anfang. Die multimediale, transnationale „League of Legends“-Marke, so der schurkische Plan von Riot Games, soll das Marvel-Disney-Imperium angreifen und die Weltherrschaft übernehmen. Ich habe Marvel immer gemocht. Aber einem Aufruf der Riot Girls aus den „Lanes“ würde ich folgen.

Aus epd medien 48/21 vom 3. Dezember 2021

Sabine Horst