Androgyne Kämpfer in Neonfarben. Der Anime-Boom hält an

epd Grob überschlagen habe ich in den vergangenen vier Jahren einen Monat und zwölf Tage mit Animeserien verbracht, netto. Verglichen mit echten Fans gehöre ich damit noch zu den Gelegenheitsguckern. Jeder fünfte Deutsche, sagt der Marketing-Fachmann Toan Nguyen in der MDR-Dokumentation „Popcult Japan“, hat heute eine „Affinität“ zu Mangas und Animes, japanischen Comics und Zeichentrickserien. Angefangen hat das Ganze um die Jahrtausendwende, als der Carlsen-Verlag die „Dragon Ball“-Mangas auf den deutschen Markt brachte und das Privatfernsehen eine Anime-Offensive startete.

Ein Ende ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Digitalisierung und Globalisierung haben das Phänomen befeuert. Sogenannte Cosplayer, als Figuren verkleidete Fans, stürmen mit wehenden Haaren in Neonfarben Buch- und Gamermessen. Die verrückten Piraten aus dem Endlos-Seller „One Piece“ (seit 1997) haben Disney verdrängt. Im Netz und auf Conventions blüht die Fan-Art; Spezial-Streamer wie Crunchyroll oder Wakanim senden untertitelte Serienepisoden, und die Big Player Netflix und Amazon investieren nicht nur heftig in Lizenzen, sondern adaptieren und kopieren beliebte Animes.

Das Klischee, es handle sich hier vor allem um actionorientierten Jungs-Stoff, ist längst widerlegt. Auch Mädchen lieben krachende „Shonen“-Mangas, und in der Romantik- und Softerotik-Sparte ist die japanische Popkultur der westlichen vermutlich überlegen - es geht da schön queer zu. Auch das Kino spürt den Boom: Im ersten Pandemiejahr schob sich ein Film zur Serie „Demon Slayer“ überraschend auf Platz zwei der internationalen Box-Office-Listen, Arthouse-Produktionen wie die von Makoto Shinkai („Your Name“) haben sich aus der Festivalnische in den Mainstream gearbeitet.

Die Doku „Popcult Japan“ von Marcus Fitsch (abrufbar in der ARD-Mediathek) liefert für Nicht-Initiierte eine kompakte Einführung in das Phänomen und stellt ein paar Protagonisten des Trends vor. Man zieht mit der Webreporterin Cathy Cat durchs Tokioter Viertel Akihabara, den Hotspot der Manga-Kultur, und besucht Hirohiko Araki, den Autor von „JoJo's Bizarre Adventure“ - eine der kultigsten Manga-Serien und in der Animeversion mit ihren androgynen, aufgebrezelten Muskelmännern eine regelrecht transzendentale Erfahrung. Die Kölner Cosplayerin Florence Heyer zeigt, wie sie an ihrer fantastischen Kostümlinie arbeitet; der Verleger Joachim Kaps erinnert sich an seine Pionierzeiten als erster Lizenzmanager von „Dragon Ball“.

Unvermeidlich stellt sich die Frage: Wieso eigentlich? Warum fühlt sich das Westpublikum so leidenschaftlich hingezogen zu dieser Kultur, die in Japan praktisch mit der Muttermilch aufgesogen wird? Florence Heyer meint, Cosplay habe ihr geholfen, mit ADHS zu leben und sich zu mögen: Die Rolle - das ist „Ich in stark“. Der „JoJo“-Zeichner Hirohiko Araki betont die Universalität der Bilder; Joachim Kaps meint dagegen, in der ersten Welle hätten gerade die kulturellen Eigenheiten der Mangas zum Erfolg geführt - endlich gab es für Jugendliche wieder etwas, das die Erwachsenen nicht kapierten.

Nach einer harten Lernphase - man muss sich an die spektakuläre, von eigentümlichen Metaphern durchsetzte Bildsprache gewöhnen -, nach einer Tour durch Roboter-Science-Fiction, Ninja-Battles, herzzerreißende Alltagsdramen und homoerotische Liebesgeschichten wage ich zu sagen: Stimmt alles - jeder kann sich hier wiederfinden. Vielleicht, weil die Künstlichkeit dieser auf dem weißen Blatt oder inzwischen auch im Computer erzeugten Bilder etwas per se Anarchisches hat. Mangas und Animes unterscheiden nicht zwischen dem Albernen und dem Seriösen, zwischen angebrachten oder unangebrachten Gefühlen; sie werfen den Betrachter in einen Raum, in dem es keinen Standpunkt mehr gibt. Ninjas würden sagen: Sie öffnen verstopfte Chakra-Kanäle.

Aus epd medien 25/22 vom 24. Juni 2022

Sabine Horst