Analoger Shitstorm. Die Ursendung des Hörspiels "Träume" im NWDR

Der Autor hatte alles andere als Erbauung im Sinn: "Wenn es mir gelänge, den Hörer aus seiner Sofaecke aufzuschrecken, so wäre mein Ziel erreicht. Insofern würde ich auch Proteste begrüßen, eben als Zeichen der Beunruhigung", sagte Günter Eich vor der Ursendung seines Hörspiels "Träume" am 19. April 1951 im NWDR. Und wie es gelang! Die Hörer waren nicht nur aufgeschreckt, sie waren empört: "Sagen Sie mal, was für'n Mist verzapfen sie heute Abend schon wieder im Rundfunk? Das ist zum Kotzen! Hängen Sie sich Ihre ganzen Hörspiele an'n Nagel, wissen Sie. Schweinemäßig ist das..."

Heute würde man das, was der NWDR vor 70 Jahren erlebte, einen Shitstorm nennen, nur dass die Beschimpfungen per Telefon kamen: "Grauenhaft", "eine Zumutung", "haarsträubend", "katastrophal", so lauteten die Urteile der Anrufer. Ein Hörer fragte, ob man den Autor nicht einsperren könne.

Dass die düsteren Alpträume von fünf Menschen auf fünf Kontinenten, die Eich in seinem Text schildert, keine leichte Kost waren, war den Verantwortlichen bewusst. Der "Spiegel" hatte vor der Sendung vor einer "mörderischen Angelegenheit" gewarnt, und in der Tat erregte vor allem der zweite Traum Anstoß, in dem ein Kind verkauft wird, damit mit seinem Blut ein kranker alter Mann therapiert werden kann. Um dieses Hörspiel Kindern nicht zuzumuten, hatte der NWDR das Hörspiel erst um 20.50 Uhr gesendet.

Der Text des damals 44-jährigen Lyrikers und Hörspielautors Eich war beim NWDR mit Begeisterung aufgenommen worden. Dramaturgin Gerda von Uslar sagte dem "Spiegel": "Das Manuskript lief ein, wurde gelesen und ging sofort in die Produktion. Das hat es noch nie bei uns gegeben." Und Regisseur Fritz Schröder-Jahn zeigte sich überzeugt: "Es ist das beste Hörspiel, das wir seit langem hatten, und ich glaube nicht, dass wir in diesem Jahr noch ein besseres bekommen werden."

Das Hörspiel-Event war durch die Pressearbeit vorbereitet, die Provokation war kalkuliert. Daher sendete der NWDR auch im Anschluss an das Stück eine Diskussion mit Journalisten, einem Pfarrer und einer Setzerin. Ein Redakteur und der Regisseur saßen an den Telefonen, um die Höreranrufe entgegenzunehmen. Die Reaktionen wurden aufgezeichnet und archiviert, der NDR hat einen Zusammenschnitt der Diskussion und der Anrufe ins Netz gestellt.

Bei der Diskussion fällt auf, wie geschliffen die Einschätzungen der Gäste im Studio ausfielen, einige der Statements wirken abgelesen, insgesamt befleißigte man sich damals im Radio hörbar einer besonders gewählten Sprache. Das fiel auch einem Anrufer auf, der sich beschwerte: "Diese Leute, die Sie herangezogen haben, die sind wahrscheinlich genauso überspannt wie der Dichter und wenn Sie mal vernünftige Leute haben wollen, die die Meinung der Hörer wiedergeben, dann suchen Sie sich doch andere aus."

Die "Träume", die auch von Flucht und Vertreibung erzählten, lösten sechs Jahre nach Kriegsende bei vielen Deutschen, die eher mit Verdrängen beschäftigt waren, Abwehrreaktionen aus. Mehrere Hörer beschwerten sich darüber, dass man ihnen in diesen Zeiten, die schon schwer genug seien, so schwere Kost vorsetze. Hier werde den Leuten Angst eingejagt, "ich möchte mal was Nettes hören", sagte einer. Ein anderer: "Wir als Deutsche haben sowieso nichts zu melden." Und natürlich wurde auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Hörer schließlich für das Programm bezahlen.

Im Zusammenschnitt der Hörerreaktionen des NDR meldet sich erst ganz am Schluss eine Hörerin, die sagt: "Mein Kompliment für Ihr Hörspiel, ich fand's prima." Bis heute gilt Günter Eichs "Träume" als eines der wichtigsten Hörspiele der Nachkriegszeit.

Aus epd medien 15/21 vom 16. April 2021

Diemut Roether