Abgestürzt. Die Verwüstung von Bulgariens Medienlandschaft

epd Viele Bulgaren verknüpften mit dem Beitritt ihres Landes zur EU im Jahr 2007 die Hoffnung auf Reformen und auf eine bessere Lebenssituation. Fast 15 Jahre später sind mit EU-Geldern getätigte Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur oder den Umweltschutz zwar unübersehbar. Der erhoffte Wohlstand ist aber nicht eingetreten. Noch immer gilt das Balkanland als ärmstes Land der EU. Ein Grund dafür ist das ungelöste Problem der Korruption: Beim Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International teilt sich Bulgarien auf Rang 69 die Rote Laterne in der EU mit Ungarn und Rumänien.

Am krassesten zeigt sich das Auseinanderklaffen der Erwartungen an die EU-Mitgliedschaft und der Realität aber im Bereich der Medien. Lag Bulgarien in der Pressefreiheitsrangliste von Reporter ohne Grenzen 2006 noch auf Rang 35, so ist das Land kürzlich auf Rang 112 gefallen - und bildet damit nicht nur das Schlusslicht in der EU, sondern auch auf dem Balkan. Drohungen gegen Journalisten und körperliche Angriffe auf sie spielen dabei sicherlich eine Rolle.

Stärker ist die bulgarische Medienlandschaft aber geprägt durch die Verschleierung des Eigentums an Medien, ihre Nutzung zur Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Ziele und eine schamlose Missachtung professioneller Standards journalistischer Ethik. Verantwortliche dafür kann man beim Namen nennen. Irena Krastewa, vormalige Direktorin der staatlichen Toto-Gesellschaft, kaufte 2007 ohne jede Medienerfahrung plötzlich Zeitungen auf. Sie baute - zusammen mit ihrem Sohn Deljan Peewski - in rasantem Tempo ihre Nowa Bulgarska Mediina Grupa (NBMG) zu Bulgariens mächtigstem Medienkonzern aus, mit Print, Online, TV und einem marktbeherrschenden Grossounternehmen. Als Financier der NBMG fungierte zunächst die Handelsbank KTB - als diese 2014 pleiteging, brach für viele Zeitungen die Finanzierung weg.

Peewski, Politiker der liberalen Partei „Bewegung für Rechte und Freiheiten“, gilt als Personifizierung von Klüngel und Machtmissbrauch. Seine Übermacht im Grosso nutzte er beispielsweise auch, um zeitweise die Auslieferung der Tageszeitung „Republika“ zu behindern, weil er mit deren Herausgeber im Streit lag. Seit Anfang April ist Peewski kein Abgeordneter der Bulgarischen Volksversammlung mehr - und kurz zuvor hatte er die Medien im Besitz seiner Familie verkauft. Doch die Folgen seines Unternehmertums gelten als Hauptursache für die Verwüstung der bulgarischen Medienlandschaft.

Mit den Parlamentswahlen im April ist in Bulgarien die mit Unterbrechungen elf Jahre währende Ära des konservativen Regierungschefs Bojko Borissow zu Ende gegangen. In all diesen Jahren konnte Borissow sich nicht nur des Medienkomforts der Peewski-Medien erfreuen, sondern auch EU-Gelder gezielt an auserwählte TV- und Radiosender vergeben, um sich wohlwollende Berichterstattung zu sichern.

Spaziert man gedanklich durch die bulgarische Hauptstadt Sofia im Jahr 2006, stößt man an jeder Straßenecke auf einen Zeitungskiosk mit einem vielfältigen Angebot, darunter Qualitätsblätter wie „Dnevnik“ (Tagebuch), „Sega“ (Jetzt), „Novinar“ (Kundschafter), „Standart “und „Pari“ (Geld). Heute sind sie, wenn überhaupt, nur noch online zu lesen. Vor einigen Jahren erlaubte es Peewski seine politische Macht, die angestammten Zeitungsstände im ganzen Land vom Markt zu drängen und ein Netz aus über 1.000 knall-orangenen „Lafka“-Kiosken zu etablieren. Anfang 2020 hat er seine Lafka-Kette in die Insolvenz entlassen, nun muss man weit laufen, um eine Tageszeitung zu kaufen. Die, die man findet, lassen sich an einer Hand abzählen. Sie heißen „Trud“ (Arbeit), „24 Tschassa“ (Stunden), „Telegraf“, „Monitor“ und „Duma“ (Wort) - und sie erfüllen kaum die Standards journalistischer Ethik. Freitags sind, als letzte Mohikaner seriöser Presse auf Papier, die Wochenblätter „Kapital“ und „Sega“ zu erwerben.

Aus epd medien 19-20/21 vom 14. Mai 2021

Frank Stier