Ab nach Sibirien. Charly Hübner verlässt den "Polizeiruf 110"

epd „Einer von uns“ hieß 2010 der erste „Polizeiruf 110“ aus Rostock, in dem der frisch aus Berlin in seine Heimatstadt Rostock zurückgekehrte Ermittler Alexander Bukow (genannt Sascha) auf die Profilerin Katrin König traf. Sie war auf den neuen Kommissar angesetzt, dem der Ruch der Bestechlichkeit anhaftete. Bukow und König, gespielt von Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau, beäugten sich zunächst misstrauisch, arbeiteten dann aber mehr oder weniger notgedrungen gut zusammen. In den folgenden 23 Fällen, in denen sie gemeinsam ermittelten, wurden sie zu einem Duo, das so selbstverständlich zusammengehörte wie Bonnie und Clyde. Dass der „Polizeiruf“ des NDR aus Rostock der beste „Tatort“ war, galt für die Fans vor allem wegen dieses Ermittlerpaars seit Jahren als ausgemacht.

Wer ist „wir“? Auf welcher Seite steht er? Das war bei Bukow immer die Frage. Durch seinen Vater hatte er beste Kontakte in die Rostocker Halb- und Unterwelt, irgendwie hatte er aber noch die Kurve gekriegt und war ausgerechnet auf die Seite der Gesetzeshüter gewechselt. Doch in seiner Ermittlungsarbeit neigte er zu Alleingängen und legte die Grenzen der Gesetze für sich selbst sehr weit aus. König, die Gerechtigkeitsfanatikerin mit dem scharfen Verstand, war der ideale Gegenpart zu dem intuitionsgetriebenen Bullen, dem gelegentlich auch mal die Sicherungen durchbrannten. Sie hielt die Moral hoch, bis sie selbst Beweise fälschte, um einen Mörder, der vor 30 Jahren fälschlicherweise freigesprochen worden war, doch noch hinter Gitter zu bringen.

Bukow und König: Lange siezten sich die beiden, umkreisten und belauerten sich, hielten Distanz, nur gelegentlich kam es zu gemeinsamen Besäufnissen. Dass die beiden sich in den letzten Folgen immer näher kamen, gar zu einem Paar wurden, war zwar wegen der Funken, die hier übersprangen, folgerichtig - zugleich war aber klar, dass dies der Anfang vom Ende war.

Denn ausgerechnet der dunkle Fürst der Unterwelt, Zoran Subocek, hat Bukow und König jetzt in der Hand: Er weiß von den gefälschten Beweisen, er weiß, dass Bukow König gedeckt hat - und damit erpresst er die beiden. Sie sollen auf seine Seite wechseln und als böse Bullen für ihn arbeiten. „Zusammen rutschen wir einen matschigen Hang hinunter“, sagt König am Ende in einer der stärksten Szenen dieses „Polizeirufs“: „Wir klammern uns aneinander fest und rutschen immer tiefer. Ich deck dich. Du deckst mich. Ich deck dich wieder. Was kommst als nächstes?“

In „Keiner von uns“ hat Eoin Moore, der die beiden Figuren und den Rostocker „Polizeiruf“ entwickelt und maßgeblich gestaltet hat, Bukow einen folgerichtigen Abgang bereitet. Der Kommissar stirbt am Ende nicht den Heldentod, er opfert sich auch nicht für seine Liebe, er beantragt seine Entlassung und geht. Weit weg. Vermutlich nach Sibirien, wo die Bukows einmal herkamen und wo sein verstorbener Vater ein Haus besaß. „Wer weiß, vielleicht komm ich irgendwann wieder“, sagt er zu Katrin König. „Mal sehen, auf welcher Seite du dann stehst“, entgegnet sie.

In einem kurzen Film, den die ARD zum Abgang von Charly Hübner ins Netz gestellt hat, beschreibt der Schauspieler, was das Besondere an seiner Zusammenarbeit mit Anneke Kim Sarnau war: „Nicht eine einzige Minute, wo wir uns heimlich gehasst hätten oder hintenrum gegen den anderen gestänkert haben. Dass wir beide so krass ein Duo waren, das ist mir eigentlich erst gestern bewusst geworden.“ Tatsächlich hatte das Spiel der beiden manchmal etwas Magisches. Dass dies nun aufhört, bringt ausgerechnet Andreas Guenther, der im Rostocker „Polizeiruf“ den immer etwas zu breitbeinig auftretenden Kollegen Anton Pöschel spielt, in diesem Video am meisten aus der Fassung. Er ist nicht der Einzige, der um Bukow und König weint.

Aus epd medien 1/2 vom 14. Januar 2022

Diemut Roether