Zuckersüß verpackt

VOR-SICHT: "Eine Klasse für sich", Fernsehfilm, Regie: Christine Hartmann, Buch: Sebastian Orlac, Kamera: Peter Nix, Produktion: filmpool fiction (ARD/WDR, 13.11.19, 20.15-21.45 Uhr)

"Zukunft Bildung" - so heißt das Motto der diesjährigen ARD-Themenwoche. Gut gewählt. Bildung tut not. Insbesondere, seit eine wachsende Anzahl von Menschen nach eigener Auskunft an Verschwörungstheorien glaubt und überführten Lügnern mit Überzeugung höchste politische Mandate erteilt.

Was kann Bildung leisten? Gegen Rattenfänger immunisieren? Daran kann man Zweifel haben. Mut zum eigenen Urteil, mithin Selbstbewusstsein im Wortsinn verleihen? Vielleicht. Aufklärungsbürgerlich Lebensoptionen erweitern? Wahrscheinlich. Für den WDR, der im Rahmen der Themenwoche den Spielfilm "Eine Klasse für sich" verantwortet, liegt der Fall klar: In diesem Film gehe es darum, "was Bildung neben Selbstoptimierung und Karrierechancen vor allem sein kann: der gemeinsame Versuch, einen richtigen Weg zu finden".

Das klingt nicht schön und ist auch herzlich naiv. Aber nun gut, weiter also mit der Wirksamkeitsannahme der praktischen Schrumpfform des Begriffs: Bildung als Teamwork und Integrationsleistung, eigentlich als "Herzensbildung". Eine geflaggte Botschaft des zugewandten, fördernden Miteinanders.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Mehr Empathie, mehr Herzensbildung, mehr - reflektierte - Naivität, das stünde vielen Bildungspolitikern und Pädagogikforschern gut zu Gesicht. Leider aber tritt in dieser Produktion ein Tableau an fiktiven Charakteren auf den Plan, das dem Statistikreißbrett der Gaußschen Normalverteilungskurve entsprungen zu sein scheint.

Gesungen wird das romantische Lied von der Chancengleichheit, im letzten Drittel des Films wird es eher gegrölt, in der modernen Bon-Jovi-Variante: "It's my life, it's now or never, I ain't gonna live forever", nebst Luftgitarren- und Headbanging-Ansätzen. Vor allem aber soll hier keinesfalls eine Abitur-Leistungsdruck-Befürwortung stattfinden. Das Abitur wird hier wieder zur reinen Reifeprüfung. Man kann "Eine Klasse für sich" auch als Beitrag zur Diskussion um die Abschaffung der Noten sehen.

Erzählt wird ein sympathisches Empowerment-Märchen: In einem Privatkolleg in Nordrhein-Westfalen (früher nannte man so etwas Abendgymnasium oder "zweiter Bildungsweg") trifft sich ein heterogenes Grüppchen von Suchenden, Gescheiterten, fast Gescheiterten und Unterdrückten.

Fabian Sorge (Hans Löw mit sprechendem Namen) unterrichtet schon seit Jahren mit Leidenschaft Geschichte am Gymnasium. Konflikte mit der Schülerschaft geraten milde. Einer beklagt sich im Auftrag der Mutter über seine Bio-Note, Sorges eigener Sohn Luca (Victor Diedrich) entdeckt die Kapitalismuskritik und bedenkt eine Lehrerin mit einem grenztolerablen Ausdruck. Nur die Verbeamtung lässt bei Sorge auf sich warten. Und die getrennte Ehefrau hat einen Freund, der einen arroganten Bonussohn mit in die neue Konstellation bringt. Einen, der sich sicher ist, dass man ihm das Abitur schuldet.

Statt Verbeamtung gibt es für Fabian Suspendierung. Ausgerechnet der regelgläubige Engagierte hat weiland sein Abiturzeugnis gefälscht. Da aber Lehrermangel herrscht, soll er den Abschluss in einem Jahr nachholen. Dann - Schwamm drüber. In der neu zusammengewürfelten Kollegklasse steht jede und jeder auf eigenem Niveau. Die schlaue Kurdin Bingül (Yeliz Simsek), die IT-Expertin werden will, ihre mathematische Begabung aber vor dem Bruder verstecken muss. Diese Rolle führt den doppelten Beweis von kultureller und gendermäßiger Benachteiligung in den MINT-Fächern.

Hellen (Johanna Gastdorf) ist die obdachlose Klofrau mit Literaturfaible, die den "Faust" von Goethe lebenspraktisch umdeutet und die Rolle der durch Unglück verarmten Frau abdeckt. Dann ist da noch der ehemalige Fußballprofi des 1. FC Köln, Yusuf (Sami Nasser), mit den kaputten Knien, dessen Traum ein Ingenieurbüro ist - und dessen Ex-Kollegen längst im Verein auf lukrativen Versorgungsposten sitzen. Er besetzt die Rolle des Diskriminierten mit Migrationswurzeln.

Last but not least wäre da noch Cora (Alwara Höfels), die als systemkritisches Kind des schlimmsten Miethais von Köln ihre privilegierte Herkunft und ihr Aufwachsen im emotionalen Eiskäfig hinter sich lassen will. Die Frage "Bildung, wozu?" grundiert den Film. Antwort: Bildung ist gleichzeitig Mittel und Zweck der Selbstbestimmung. Erreichen, so behaupten das Drehbuch von Sebastian Orlac und die auflockerungsfreudige Regie von Christine Hartmann, lässt sie sich am besten oder am unterhaltsamsten gemeinsam.

Als Coras Vater, eine Karikaturenfigur sondergleichen, dem Kolleg die Miete drastisch erhöht und die Einrichtung schließen muss, bildet das abiturwillige Trüppchen eine Lerngruppe, die sich bald schon in Papas schicker Rheinblickvilla trifft und teure Weinflaschen leer trinkt. Die Botschaft: Hätte dieser Vermögensmehrer mal lieber in Benachteiligte investiert, denen zwar Umwelt, Kultur und Gesellschaft attestieren, dass sie Flaschen sind, die bei genügend Solidarität aber Schulbuchberge versetzen können!

"Eine Klasse für sich" hätte vielleicht als ARD-"Freitagsfilm" getaugt, als Film also, der fröhlich ins Wochenende geleiten und nicht deprimieren soll. Der Film ist herzlich und herzerwärmend gespielt - vor allem von Löw und Höfels. Und er hat ein absolutes Wohlfühlende: Die bittere Pille in zuckersüßer Verpackung - statt individueller Notwendigkeit der Lernanstrengung gibt es Gruppenbohei und Lebenslust -, das ist eben auch ein beim WDR gern geträumter Pädagogentraum.

Dass aber die Produktion mit "Verstaubtem" nichts anfangen will, sogar meint, sich über das Klassische lustig machen zu müssen, ist billigste Publikumsranschmeiße. Als Klofrau Hellen der Gruppe mit Inbrunst Passagen der Selbstbefragung aus dem "Faust" vorträgt, schnarchen alle nach kurzer Zeit herzhaft. Unbedingt alles vermeiden, was mit "Hochkultur" oder "Elite" verbunden werden könnte - das ist leider auch eine typische WDR-Botschaft.

Aus epd medien 45/19 vom 8. November 2019

Heike Hupertz