Zu viel Respekt

VOR-SICHT: „Zurück ans Meer“, Drama, Regie: Markus Imboden, Buch: Fabian Thaesler, Kamera: Martin Langer, Produktion: Aspekt Medienproduktion Hamburg (ZDF, 4.10.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Mord verjährt nicht, Entführung schon. 20 Jahre nach ihrer Zwangsverschleppung hat Mara (Nina Hoger) immer noch lebenslänglich. Fünf Tage lang war sie damals, als sie am Strand des dänischen Ferienhauses verschwand, in der Gewalt des Täters. Als sie nach Zahlung eines beträchtlichen Lösegelds freikam - der Vater verfügte über Mittel, die Mutter besaß nur eine kleine Buchhandlung - war der Albtraum nicht vorbei. Der Vater und Ex-Mann verschwand wieder, zurück blieben wie aneinandergekettet Tochter und Mutter. Zwei Versehrte, die eine verkapselt vor der Welt, die andere, Charlotte Breuer (Hannelore Hoger), das Kind von Therapie zu Therapie drängend, verzweifelt um Heilung bemüht.

So weit die Voraussetzungen des Psychothrillers respektive Psychodramas, das ein Geburtstagsgeschenk des ZDF zu Hannelore Hogers 80. Geburtstag ist. Zwei Mal gibt es hier das, was man „Paraderolle“ nennt. Hier die sture, hartnäckige Mutter, die mit ihrem Drängen der Tochter nicht nur Gutes tut, die außerdem bald für eine Psychopathin gehalten wird. Dort die Jüngere, auch in Wirklichkeit Hogers Tochter, die Schritt für Schritt zeigen kann, wie sich verzögertes posttraumatisches Wachstum stimmlich, körperlich und szenisch ausdrückt. „Zurück ans Meer“ ist eine fiktionale Verbeugung, die das Tochter-Mutter-Drama sehr ernst nimmt und dem Spiel und der Darstellung psychologischer Nuancen und Auffälligkeiten enorm viel Raum gibt, unter Tragödiengesichtspunkten also durchaus gelungen - unter anderen jedoch weniger.

In puncto Thrillerhandlung geht der Film nämlich mitnichten spannend auf, manche Szene wirkt wie ein bloßes Vehikel, die Auflösung ist etwas mau und die Nebenrollen sind zum Teil nicht gut ersonnen. Die Meeresbilder und dänisch-deutsche Küstenschauplätze sind selten mehr als dekorativ, das ist schade.

Insgesamt wirkt „Zurück ans Meer“ wie eine Gabe, die mit zu viel Respekt gereicht wurde. Das Drehbuch von Fabian Thaesler gibt alles Augenmerk den Frauen Hoger, genau wie Markus Imbodens Inszenierung. Die Bildgestaltung Martin Langers spielt mit Begrenzungen, Offenheit, Außen- und Innenräumen, der Film gewinnt dadurch ebenso wie durch manche Besetzung der Nebenfiguren. Wie bei Christina Große als behandelnder Ärztin, die mehrere Szenen lang über Maras Zustand, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten in der Körperarbeit sachlich und länglich informiert.

Ein letzter Versuch soll es sein, als Mutter und Tochter in der Klinik am Meer anlangen, wo Charlotte zufällig auf den Milliardär und Bauunternehmer Mortensen (Jens Albinus) trifft und seine Stimme erkennt. Er war vor 22 Jahren Maras Entführer, sie ist sicher. Ein Unangreifbarer, den sie zu stalken beginnt. Sie bricht in sein dänisches Haus ein, er verletzt sich beim Treppensturz, sie wird verhaftet und will die Anklage gegen sich selbst durchziehen lassen - damit die verjährte Tat zur Sprache kommen kann. Einstweilen sitzt sie als „verrückte Alte“ im dänischen Untersuchungsgefängnis und bringt durch Bockigkeit ihren Pflichtverteidiger Johansen (Morten Sasse Suurballe) gegen sich auf.

Mortensens Fehler ist seine Affäre mit einer jungen Mitarbeiterin. Seine Frau (Nele Mueller-Stoefen) beginnt, selbst die damaligen Vorgänge zu recherchieren, und wird ihn schließlich an die Justiz liefern. Anwalt Johansen findet mit Leichtigkeit Verbindungen, die damals jede polizeiliche Untersuchung ergeben hätte. Am Ende bleibt nichts Wesentliches mehr offen. Der Täter ist gestellt, die Tochter so gut wie geheilt und sogar zur Liebe bereit, die Mutter kann ihr Leben weiterleben.

Eigentlich sind die Konstellation der Figuren und der Verlauf der Geschichte reizvoll. Mutter und Tochter Hoger spielen ihre schauspielerischen Stärken aus. Der Film entscheidet sich aber - wohl mit Absicht - nicht, ob er auf Spannung setzen will oder auf Drama. Im Zweifel entscheidet er sich für das Drama - das aber im Verlauf der Plausibilisierung des Falls immer undramatischer wird. Dass der Milliardär damals doch in Geldnot war, wird geradezu lieblos begründet. Das verwundert eigentlich, denn Fabian Thaesler hat für „Bella Block“ Herausragendes geschrieben, und Markus Imboden („Mörder auf Amrum“) ist ein Regisseur für besondere Spannung. Bei diesem Geschenk aber muss man ein Auge fest zudrücken, um es mit Begeisterung würdigen zu können.

Aus epd medien 39/21 vom 1. Oktober 2021

Heike Hupertz