Wohlfühlmigration

VOR-SICHT: "Bella Germania" , dreiteiliger Fernsehfilm: "La Passione", "La Famiglia", "Il Segreto", Regie: Gregor Schnitzler, Buch: Daniel Speck nach seinem eigenen Roman, Kamera: Wolfgang Aichholzer Produktion: Bavaria Fiction (ZDF, 10., 11. und 13.3.19, 20.15-21.45 Uhr)

Zwischen 1955 und 1973 kamen in einer ersten Migrationsbewegung 14 Millionen italienische "Gastarbeiter" in die BRD. Noch in den 70ern sollte das Wort ausdrücken, dass diese Menschen, angeheuert über Beschäftigungsprogramme, gekommen waren, um wieder zurück zu gehen. Gastlich indes wurden sie nicht empfangen. Statt etwa Karriere im Ingenieurswunderland Westdeutschland zu machen, malochten sie am Fließband in der Autoproduktion. Sie waren in Wohnheimen untergebracht, wurden als "Spaghettifresser" beargwöhnt. Aber: Keine Erfüllung des Wirtschaftswunders ohne Gastarbeiter. Jedenfalls solange, bis die Arbeit knapp wurde.

Gleichzeitig zog es die Westdeutschen gen Italien. Man war wieder wer und fuhr mit dem Motorroller über schmale Passstraßen mit atemberaubender Aussicht und gefährlichen Haarnadelkurven ins Land, in dem immer noch die Zitronen blühten, dessen Wirtschaft aber zunehmend rückständig war. Heute sind italienische Restaurants und Eisdielen aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Die dritte und vierte Generation ist längst vollständig integriert. Und alle fahren immer noch nach Italien. Wenn das keine Steilvorlage für einen Heimatfilm am Puls der Nachkriegs-Zeitgeschichte ist, was dann? In solchen Filmen, dramaturgisiert entlang von Familienschicksalen, liegt eine der Kernkompetenzen der Öffentlich-Rechtlichen. "Charité" etwa unternimmt die Verschränkung von Einzelschicksalen, Kapazitätenbiografien und Medizingeschichte vor zeitgeschichtlichem Hintergrund, "Ku´damm 56" und "Ku´damm 59" von Annette Hesse zeigen Tanzschule als Mikrokosmos und Abbild des gesellschaftlichen Wandels.

"Bella Germania" ist ein neues Kapitel im Buch der fernsehgerechten Aufarbeitung bundesrepublikanischer Wirklichkeit, dieses Mal, wie der Autor Daniel Speck betont, als generationenübergreifendes Epos über gelungene Integration, Heimat, das Gefühl der Wurzellosigkeit und inneren Unvollständigkeit. Dieses Mal aber ist das Resultat nicht überzeugend. Statt Zeitgeschichte dominiert eine seifige Handlung, die mit dekorativen Italienbildern und Münchenansichten unterlegt wird. Die Inszenierung von Gregor Schnitzler konzentriert sich auf das Himmelsmacht-Schicksalsgeschehen zweier Nationenrepräsentanten, die, ach, über die Jahrzehnte hinweg zueinander nicht recht kommen dürfen.

"Bella Germania" ist eine Schmonzette über eine heißblütige Sizilianerin mit erzkatholischem Familienhintergrund und Schneidertalent und einen brillanten westdeutschen Autodesigner ohne jegliche familiäre Bindungen (was praktischerweise die Kriegsschuldfrage erheblich verkürzt), der als Ingenieur Mitte der 50er besuchsweise nach Italien kommt, um die später als Knutschkugel geliebte "Isetta", eine Art Auto light, technisch auf Vordermann zu bringen. Es ist genau wie bei Romeo und Julia, wobei die weibliche Hauptfigur, wirklich liebreizend gespielt von Silvia Busuioc, auch Giulietta heißt - und ihre Enkelin, die im München der Jetztzeit lebt und von ihrer Familiengeschichte so gut wie nichts weiß, einfach Julia.

Erzählt wird jeweils aus der Perspektive einer der Hauptfiguren, deren Darsteller so oft wechseln, dass schon die unterschiedlichen Physiognomien die Glaubwürdigkeit schmälern. In groben Zügen: Alexander (Christoph Letkowski) verliebt sich unsterblich in Giulietta, die aber Enzo (Denis Moschitto), einem eifersüchtigen Sizilianer, versprochen ist. Schwanger nach einer einzigen Liebesnacht, verschweigt sie Alexander, dass er der Vater von Vincenzo (später: Kostja Ullmann, noch später: Stefan Kurt) ist und heiratet Enzo, während ihr Zwillingsbruder Giovanni (Alessandro Bressanello) nach Deutschland geht, um sein Glück zu suchen.

Die Klammer der Geschichte ist typische Seifenoper: Bei der Präsentation ihrer Modekollektion wird die junge Julia (Natalia Belitski) von einem Scheinwerfer geblendet und verliert die Sprache. Chance vertan. Dass hinter ihrer Hemmung irgendein furchtbares Familiengeheimnis steckt, dass er erst einmal nicht zu lüften bereit ist, enthüllt ihr ein alter Mann, Alexander (als Senior: Joachim Bißmeier). Er befürchtet, in Bälde zu sterben und gibt ihr den Auftrag, seinen Sohn und ihren Vater Vincenzo zu suchen - er will sich vor dem Tod aussöhnen. Schreckliche Dinge müssen geschehen sein, die Julias Mutter Tanja (Jetztzeit: Andrea Sawatzki, davor: Marleen Lohse) vor Julia verbergen will. Julia ist im Glauben aufgewachsen, Vincenzo sei nach längerem Gefängnisaufenthalt nach Italien geflohen und nun tot, habe die Familie im Stich gelassen.

Von Zeitgeschichte gibt es allenfalls Einsprengsel light, dafür wird das Melodram ganz groß ausgespielt. Leitmotivisch steht der gewundene Alpenpass, der auch eine tödliche Rolle spielen wird, für die Schwierigkeiten der deutsch-italienischen Annäherung und Freundschaft. Genau wie die "Gastarbeiter" und die Ur-Münchner, die hier gezeigt werden, kommen sich auch die Familien näher - und fahren immer weiter über die Berge, obwohl es den Brennertunnel da längst gibt. Erst ganz am Ende lüften sich Schleier, die Abgründe an Schlechtigkeit enthüllen. Julia findet heraus, dass ihr Talent für Mode direkt von der Großmutter Giulietta vererbt wurde - genau, wie Vincenzo sein technisches Genie von Papa Alexander hat. Fast alles löst sich in Gefühlsduselei auf. Und immer, wenn es schwierig zu werden droht, ruft gleichsam Mamma Miracóli alle zusammen und serviert Pasta - wie an der großen Tafel am Rand des Isetta-Testgeländes, an der Alexander lernt, Spaghetti zu drehen, oder in Tanjas radikaler WG, wo Lasagne die streitbaren Gemüter beruhigt.

Da loben wir uns die Subtilität von Goethes Völkerverständigung, dessen lyrisches Ich in den "Römischen Elegien" den Hexameter-Rhythmus auf den Rücken der nackten italienischen Geliebten klopft - ein Bild, das die Vereinigung von nördlich-versmaßzählender Mentalität und südlich-sinnlicher Schönheit als Akt der Entstehung von Poesie begreift. Wie viel mehr wäre gewonnen, wenn auch in "Bella Germania" bloß ein bisschen Inkommensurables bliebe!

Nach mehr als 180 Minuten Liebesschluchzendauer bleibt aber vage höchstens das Gefühl, ein Pilcher-Film könnte mehr intellektuelle Botschaft enthalten als die eben gesehene Wohlfühlmigration mit sinfonischer Überwältigungsmusik von Dominik Giesriegl.

Aus epd medien 10/19 vom 8. März 2019

Heike Hupertz