Wölfe unter Wölfen

VOR-SICHT: "Die Toten von Marnow", vierteiliger Fernsehfilm, Regie: Andreas Herzog, Buch: Holger Karsten Schmidt, Kamera: Philipp Sichler, Produktion: Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft/NDR/Degeto (ARD/NDR, Teil 1 und 2: 13.3.21, 20.15-23.10 Uhr, Teil 3: 17.3.21, 20.15-21.45 Uhr, Teil 4: 18.3.21, 20.15-21.45 Uhr)

Sommer 2003. In und um Schwerin herrscht eine drückende, flirrende Hitze, die das öffentliche Leben fast zum Erliegen bringt. Wer kann, hält sich am See auf, zum Beispiel auf dem Campingplatz an der Mecklenburger Seenplatte, wo Wohnmobile und Bungalows im lichten Wald Erholung versprechen und das Wasser Kühle und Reinigung vom Geschehen in der Stadt. Ein Idyll, das trügt. Auf dem Campingplatz werden noch die schrecklichsten Dinge geschehen und enthüllt werden: Vergewaltigung, Missbrauch, Schüsse, zerstörte Leben. Am anderen Ufer versprechen weder die traditionsreiche Klinik noch der aufgegebene Friedhof Heilung und Ruhe. Im Gegenteil. Auch dort finden sich Spuren des Unrechts; wenn sie nicht in den Bildern der stimmigen und sprechenden Bildgestaltung von Philipp Sichler eingefangen sind, tragen die Figuren ihre Spannungen und Charakterverwerfungen wie unsichtbare Banner mit sich.

Stadt und Land, dunkel und hell, Tod und Verschwörung: In der Wohnung des ersten Mordopfers sieht man förmlich die dicke Luft und den Gestank im Zwielicht. Der Tote wurde an den Füßen im schäbigen Badezimmer eines Plattenbaus aufgehängt, tiefer Schnitt durch die Kehle, so wie man Schweine zum Ausbluten drapiert. Durch Schnitte auf der Kopfhaut ist er als Kinderschänder gebrandmarkt. Auf dem Computer finden die Ermittler Kinderpornografie. Etwas zu offensichtlich, meinen Kommissar Frank Elling (Sascha Alexander Gersak) und seine Kollegin Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller). Tatsächlich ist es eine Inszenierung, eine falsche Spur, gelegt durch einen Mann im hellen Sommeranzug (grandios fies: Jörg Schüttauf), der den Toten vor den Ermittlern gefunden und Fotos von der Pinnwand entfernt hat.

Während der junge Polizeikollege Sören Jasper (Anton Rubtsov) sich an die Fußarbeit macht und von seiner Vorgesetzten Mendt eindeutige Einladungen zum Sex erhält ("Dienstanweisung"), geschieht ein zweiter Mord, dieses Mal in einem noblen Seniorenheim mit freiem Ausblick über das Wasser und den hellen Himmel. Wieder ein tiefer Kehlschnitt. Elling lässt sich von einer Frau (Minh-Khai Phan-Thi) bestechen, die angeblich eine Opfergruppe des toten Kinderschänders vertritt. Er braucht das Geld, um seiner Tochter (Bianca Nawrath) ein Auto zum 18. Geburtstag zu kaufen, seiner dementen Mutter Helga (Christine Schorn) das beste Zimmer im Seniorenheim zu finanzieren und seine Frau Susanne (Anne Schäfer) zu verwöhnen, die ein Verhältnis mit dem Bürgermeisterkandidaten Benedikt (Tobias Oertel) hat.

Elling lebt offensichtlich über seine Verhältnisse. Frei stehendes Haus mit Pool und Gegenstromanlage (die noch eine Rolle spielen wird), geplante Familienreise nach San Francisco - alles von "3.400 Euro im Monat". Sascha Alexander Gersak spielt den Kommissar mit großer physischer Präsenz, verkörpert die Traurigkeit und Melancholie eines Ehemanns, der seine Frau für viel zu gut hält und seine Familie für einen unverdienten Glücksfall, der beschützt werden muss, egal, mit welchen Mitteln.

Und er spielt den guten Cop, der seinen Fall um jeden Preis aufklären will. Wie seine Partnerin Lona Mendt, die Petra Schmidt-Schaller als geheimnisvolles Wasserwesen verkörpert, von Autor Holger Karsten Schmidt entworfen als eine Art unbehauste Undine im Camper, die so schnell an der Knarre wie loyal und zart mit den Opfern ist. Eine Männerfantasie, die man mehr als einmal mit Bikini tropfnass aus dem Wasser steigen sieht wie weiland Ursula Andress und Halle Berry bei James Bond.

Dass beide Morde vom selben Täter verübt worden sind, scheint den Kommissaren Elling und Mendt klar. Was das Motiv angeht, tappen sie allerdings im Dunkel, und es bleibt in "Die Toten von Marnow" auch lange unklar. Für die eigentliche Ermittlungserzählung und die Dramaturgie des Hauptplots bräuchte es die ausgedehnte Form von vier Mal 90 Minuten (wahlweise auch als Serie mit acht Folgen á 45 Minuten zu betrachten) nicht. Die Auflösung der verübten Verbrechen (es wird viele Tote geben), die sich durch den vierten Teil zieht, macht das Ganze rund, ist aber nicht das Interessanteste an "Die Toten von Marnow". In rasantem Tempo werden zum Schluss hin erzählökonomisch sämtliche lose Fäden der zuvor ausgeworfenen Netze verknüpft, alle Motive enthüllt, die Geheimnisse der Figuren ans Licht geholt. Das Eigentliche, das Gelungene an "Die Toten von Marnow" aber sind die Figurenzeichnungen, die sich entwickelnden Charaktere und die Stimmung, die Atmosphäre einer abgeschlossenen, abgrundtief bösen Welt, in der jede und jeder mit skrupellosen Mitteln als Wolf unter Wölfen ums Überleben und für den eigenen Vorteil kämpft.

Die Folie bildet ein dunkles Kapitel deutsch-deutscher Zeitgeschichte, es geht um erst vor wenigen Jahren aufgedeckte geheime Beziehungen zwischen der BRD und der DDR in den 80ern, als BRD-Firmen Pharmaprodukte in der DDR testeten, was dieser harte Devisen brachte. Hier werden alte Seilschaften und neue Karrieren sowie Konzernmachtstrukturen geschickt nur so weit eingeflochten, wie die Polizei ihnen auf die Spur kommt. Figuren wie ein Staatssekretär im Gesundheitsministerium (Michael Mendl), die Chefin eines Pharmakonzerns (Victoria Trauttmansdorff), ein Pfarrer ohne Gewissen, originelle Camping-Dauergäste und sympathische Platzwarte sowie ehemalige Klinikmitarbeiter ergänzen die Zentralfiguren zum Ensemble mit Schwarz- und Grautönen.

Hauptfiguren werden früh in den Orkus geschickt, um das Maß an Verwicklungen und Unübersichtlichkeit zu schaffen, das im internationalen Serienerzählen zurzeit Goldstandard ist. Die mal angejazzte, mal an Nashville-Pop erinnernde Klaviermusik von Martin Tingvall wird als Stimmungsandeuter und -verstärker eingesetzt und trägt insgesamt zum Eindruck einer hochwertigen Produktion bei.

Trotz der Länge bleibt "Die Toten von Marnow" durchweg spannend. Andreas Herzogs Inszenierungsstil ist gleichzeitig klassisch und schnörkellos. In "Die Toten von Marnow" gibt es am Ende nur eine Wahrheit und nur eine Moral. Die Wirkung zielt eher darauf ab, persönliche Vorteilsnahme und Solidarität unter Kollegen von den Skrupellosigkeiten im großen Stil abzugrenzen. Hier kennt man den Unterschied zwischen lässlichen Sünden aus Uneigennützigkeit und unverzeihlichen Verfehlungen aus Egoismus. Am Ende kommen so Mörder aus Rache mit Wohlwollen davon. Unentschuldbar bleibt Mord aus persönlicher Vorteilsnahme.

Ein Eindruck bleibt am Ende zwiespältig: Selbstverständlich hat jeder Autor und jede Autorin das Recht, Figuren nach eigener Fantasie zu entwerfen. Lona Mendts Stärke und Härte sowie ihre sexuelle Autonomie wirken zum Schluss allerdings, zu dem sie ihr persönliches Trauma offenbart, wie der Schutzschild einer verletzlichen und verletzten Frau, die viel lieber liebevoll und nachsichtig wäre. Zusammen mit Petra Schmidt-Schallers zweifellos sehr attraktiver Erscheinung, die oft im Bikini, im kurzen Freizeithöschen oder in hautenger Slim-Fit-Jeans zu sehen ist, hat das aber ein Geschmäckle.

Aus epd medien 10/21 vom 12. Februar 2021

Heike Hupertz